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Herr Krit interviewt Blogger und Netzleute

Interview mit Peter Glaser

29. Mai 2008

Das Netz muss lernen, zu vergessen

Peter Glaser Mit meinem Einstieg ins Internet las ich den Klassiker 24 Stunden im 21. Jahrhundert von Peter Glaser. Dort fand ich die Email-Adresse des Autors, dem ich sogleich eine Email mit ein paar Einsteigerfragen schickte. Die Antwort kam so prompt, dass ich sprachlos war. 12 Jahre später komme ich den Genuß eines Krit-Interviews mit Peter Glaser, der über seine ersten Internetschritte, das Schreiben im digitalen Zeitalter, die Notwendigkeit des Vergessens und die Herausforderungen digitaler Techniken und Netze erzählt.

Herr Krit: Funktioniert eigentlich immer noch Deine alte Email-Adresse aus dem Zeberus-Netz, die ich anno 1996 nutzte, um Dir ein paar Einsteigerfragen zu stellen (mit prompter Antwort Deinerseits gleich am nächsten Tag)? Wie war das damals mit der Email-Kommunikation?

Peter Glaser: Die Adresse funktioniert nicht mehr. Die BIONIC-Mailbox, auf der ich meinen Z-Netz-Account hatte, ist im November 2004 nach 15 verdienstvollen Jahren abgeschaltet worden. Durch die explosionsartige Ausbreitung des Internet nach 1993 wurde Email eine komfortable Kommunikationsform. In den 80er Jahren gab es noch kein einheitliches Adressierungsschema für Emails, das war eine Art altägyptische Geheimlehre, wie man beispielsweise eine Mail aus dem deutschen Mausnet in das europäische Bitnet schickte. Mitte der 90er Jahre habe ich dann mit ein paar alten Freunden, die inzwischen in fernen Ländern lebten, Dank Email wieder zu einer alltäglichen Nähe gefunden, nachdem wir uns zuvor nur noch gelegentlich ein Weihnachtsfax geschickt hatten. Man konnte sich per Mail wieder über Kleinigkeiten austauschen, derentwegen man sich nie die Mühe gemacht hätte, einen Brief zu schreiben, zu frankieren und zum Briefkasten zu tragen.

Der Millionenchor an individuellen Stimmen in der Blogosphäre

Herr Krit: Wie sind diese Netze zu „Bürgernetzen“ geworden und welche Rolle spielen sie heute, also in einer Zeit, in der Weblogs diese Rolle übernommen hätten?

Peter Glaser: Das waren von Anfang an Bürgernetze, junge Bürger haben sie gemacht. Keine Behörde, keine Institution, kein Unternehmen. Heute sind Bürgernetze weniger an bestimmte technische Strukturen gebunden. Es sind sehr bewegliche soziale Strukturen, die mit dem Netz einen starken Hebel benutzen können, um Debatten zu führen, zu informieren und zu agieren. Was ich gleichermaßen anstrengend wie aufregend finde, ist der Millionenchor an individuellen Stimmen in der Blogosphäre, der einem deutlich macht, wie viel mehr es noch gibt außer rot, schwarz, grün und blaugelb.

Herr Krit: Was war das für ein Gefühl, damals „online zu sein“ und wie sah überhaupt Dein Einstieg ins „Netz der Netze“ aus?

Peter Glaser: Beim ersten Mal hatte ich Herzklopfen und das Gefühl, dass plötzlich fremde Menschen auf meinem Tisch sitzen. Und ich war nicht sicher, ob die Verbindung bestehen bleibt, wenn man sich nicht ordentlich ausloggt, sondern einfach auflegt. Das waren ja damals zum Teil Ferngespräche, da ratterte der Gebührenzähler wie die Nähmaschine. Ein Freund aus dem Chaos Computer Club hatte mir einen Prototypen des weiterentwickelten legendären Datenklos zum Geburtstag geschenkt, eine grüne Platine mit einem Drahtverhau, aus dem einen zwei Jumbo-LEDs wie die Stielaugen einer außerirdischen Garnelenart anglühten. Oninesein war klasse, man bewegte sich mit einer gewissen Superman-haftigkeit rasant um die Welt. Es war fantastisch in einem ganz ursprünglichen Sinn. Da streiften ja immer nur ein paar unanschauliche Zeilen über den Schirm, den ganzen ungeheuerlichen Rest hatte die Fantasie zu leisten.

Da ratterte der Gebührenzähler wie die Nähmaschine

Herr Krit: Was hat Dich an der Internetentwicklung der letzten 12 Jahre am meisten erstaunt, womit hast Du nicht gerechnet und was beobachtest Du mit Unbehagen?

Peter Glaser: Was mich am meisten erstaunt, ist, wie friedlich und umfassend Computer und das Netz den Planeten in einem erstaunlich kurzen Zeitraum radikal verändert haben.

Womit ich nicht gerechnet habe, oder nicht so schnell, ist die Konvergenz. Dass der Computer auch ein so mächtiges Medium wie das Fernsehen einfach einatmet, meine CD-Sammlung einatmet und, wie Friedrich Kittler sagt, den Begriff der Medien in der Mehrzahl einkassiert und zum Medium schlechthin wird.

Was ich mit Unbehagen beobachte, ist, dass die Leute im Netz über den Tisch gezogen werden. Der Wert, den die persönlichen Daten haben, die sie da hergeben, steht in einem völligen Unverhältnis zu den Social Network-Glasperlen etc., mit denen sie abgefunden werden.

Herr Krit: Wie verändert die allgegenwärtig werdende digitale Alltagstechnik mit Fokus auf das Internet soziales Verhalten, Konzentrationsfähigkeit, Identität, Erinnerungsvermögen?

Peter Glaser: Sozialverhalten: Es gibt einen ganzen Strauß an Veränderungen von neuen Formen des Sozialversagens (Flame Wars, Trolle) hin zu grandiosen Gemeinschaftsleistungen wie FAQs oder Wikipedia. Wir sind alle dabei, unser Verhaltensrepertoire neu zu justieren. Konservativ ist die Zeit keinesfalls, in der wir leben.

Konzentrationsfähigkeit: Was hatten Sie vorhin nochmal gesagt?

Identität: Das war eine Sorge in den neunziger Jahren Jahren – dass virtuelle Gemeinschaften entstehen, in denen man beliebig neue Identitäten annimmt und abtauchen kann. Ich glaube, dass der Erfolg der neuen Kommunikationsformen auch damit erklärbar ist, dass es diese Verselbständigung eben nicht gibt. Gerade durch die zunehmende Verflechtung zwischen Online-Welt und Offline-Welt kann man im Netz seine Identität gar nicht ohne weiteres manipulieren.

Vergessen ist keine Schwäche, sondern eine wichtige menschliche Eigenschaft

Erinnerungsvermögen: Wir leben in einer Epoche des totalen Speicherwahns. Jeder hebt alle 2000 unscharfen Digitalfotos vom letzten Urlaub auf undsoweiter. Wir müssen die wertvolle menschliche Fähigkeit des Vergessens wieder auf den ihr zustehenden Rang erheben. Ohne Vergessen gibt es keine Resozialisierung, keine Nachsicht, keine Chance, sich zu verändern und auch nicht die Fähigkeit, auszuwählen. Vergessen ist keine Schwäche, sondern eine wichtige menschliche Eigenschaft. Deshalb müssen auch Maschinen und Verbünde wie das Netz lernen, zu vergessen.

Herr Krit: Stichwort Datenbanken: Überfordert die Größe von tatsächlichen und möglichen Datenbanken und die schiere Unmenge an Daten nicht unser Vorstellungsvermögen? Hantiert der „antiquitierte Mensch“ mit mächtigen Geistern, die er rief und letztendlich nicht kontrollieren und schon gar nicht zum „Wohle der Menschheit“ einsetzen kann?

Peter Glaser: Ja.

Herr Krit: Das Bundesverfassungsgericht hat in zwei Urteilen dem „Bundestrojaner“ und der „Vorratsdatenspeicherung“ Grenzen gesetzt. Ist das für Dich ein Erfolg für Datenschutz und Privatsphäre oder wurde dem Überwachungsverlangen der Datenkrake Staat zugearbeitet?

Peter Glaser: Wie die Abhöraffäre bei der Telekom belegt, hat der Staat kein Monopol auf Datenmißbrauch. Im Zeitalter der Globalisierung wird auch das dereguliert. Die juristischen Grenzziehungen zum Bundestrojaner und der Vorratsdatenspeicherung sehe ich nicht so sehr als Erfolg, eher als Kompromiß.

Herr Krit: Vor einiger Zeit hast Du im Blog der Technology Review über Live Caching, über „die totale Speicherung“ des persönlichen Lebens geschrieben. Wie läßt sich dieses Verlangen erklären?

Peter Glaser: Schon dem Pharao im alten Ägypten wurde als Symbol das göttliche Auge zugeschrieben, es sieht alles, immer und überall. Es ist ein ungezügeltes und eigentlich ziemlich kindisches Kontrollbedürfnis. Und man bräuchte noch ein zweites Leben, um die Aufzeichnungen seines ersten abzuhören. Ich hab jetzt schon nicht mal mehr Zeit, fernzusehen.

Herr Krit: Um auf einen Klassiker der Internet-Literatur zurückkommen, eben Dein Buch „24 Stunden im 21 Jahrhundert“ (in der Folge abgekürzt auf „24 Stunden“). Dort fand ich die These, dass die „elektronische Verbreitung“ von Text das Geschriebene entwerte. Was meintest Du damit?

Peter Glaser: Ein Buch fordert schon mal deshalb Aufmerksamkeit, weil es einen gewissen Hubraum in diesem Umiversum einnimmt, das gleiche gilt für eine Zeitung. Löschen und Zerknüllen beispielsweise sind zwei fundamental unterschiedliche Vorgänge. Beim Löschen von digitalen Texten, dem zugegebenermaßen auch ich gelegentlich fröne, erlebt man eine gewissenlose Leichtfertigkeit, die für den Umgang mit geschriebener Sprache nicht gut ist. Nicht die digitale Verbreitung, aber die digitale Form von Sprache ist gefährlich.

Herr Krit: In den „24 Stunden“ hast Du über die Rolle des Schreibens und der Literatur im Zeitalter der Digitalisierung reflektiert. „Der Sprachumsatz auf digitaler Basis“ würde „noch dem einfallslosestem Gewäsch eine Aura von Sinnfälligkeit“ verleihen. Das klingt wohltuend böse, aber was ist heute wahr daran?

Peter Glaser: Das hat insofern nachgelassen, als das Netz längst den Glanz des Neuen verloren hat. Wenn heute jemand schlechte Literatur unter die Leute bringen will, würde ich ihm empfehlen, den Umschlag mit Brillianten zu bekleben oder bei Abnahme ab 100 Stück große Mengen Heizöl dazuzuschenken.

Herr Krit: In Deinem Buch „24 Stunden im 21 Jahrhundert“ hast Du aus meiner Sicht zentrale Aspekte über die Entwicklung des Internets vorausgesehen. Zum Beispiel den Gedanken, dass das Internet unseren Zeithorizont nicht erweitere, sondern verzerre. Wie hat sich das aus Deiner Sicht im Laufe der Jahre konkretisiert?

Peter Glaser: Wenn du irgendwo im Internet bist, hast du dich schon mal gefragt, wie spät es eigentlich ist an dem Ort, an dem du dich gerade befindest, und wie du das herausfinden könntest? Etwas ernsthafter gesagt: Die immer mehr digitalen Kommunikationsformen und Medienkanäle werfen uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus allen Epochen und Kulturen des Globus in den Schoß und machen unsere Beweglichkeit in der Zeit größer – auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass wir mehr und mehr in der Gegenwart eingesperrt werden.

Die Hardware soll verschwinden

Herr Krit: Stichwort Maschine und ihre Vermenschlichung. In den „24 Stunden“ erklärst Du, dass der Maschine „die entspannten, kleinen, gedankenlose Wege fehlen“ würden, „durch die die Inspiration flute“. Was fehlt der Maschine auf ewig noch?

Peter Glaser: Mein einziger Wunsch an die Technologie der Zukunft: die Hardware soll verschwinden, vollständig, und nur die Funktionen bleiben.

Herr Krit: 1995 schriebst Du auch: „Infobahn ist Big Business und Ausdruck von Gesellschaften, in denen es anscheinend keine soziale Visionen mehr gibt, sondern nur noch Vorstellungen von neuer Technik“. Wird das nicht durch die ganzen und stetig sich aufs neue hochschaukelnden kleinen und großen Netz-Hypes bestätigt? Und was ist dem entgegenzusetzen?

Peter Glaser: Altes arabisches Sprichwort sagt: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne.

Herr Krit: Legen Maschinen und ihre Software vielen Anwendern eher Minderertigkeitsgefühle als Selbstvertrauen nahe, weil das Scheitern „vorprogrammiert“ ist?

Peter Glaser: Nicht unbedingt. Die Welt ist dazu da, komplex zu sein und wir, das nach und nach zu verstehen. Das ist die Herausforderung schlechthin. Es gibt aber einen negativen Aspekt von Komplexität – das Komplizierte. Unnötige Komplexität. Komplizertheit ist aber nicht nur ein klassisches Problem bei Maschinen, auch Menschen sind chronisch kompliziert.

Herr Krit: Was Software heute alles ermöglicht, wie sie Globalisierung beschleunigt und neue Wirklichkeiten mit Hilfe von Simulationen schafft! Ich staune darüber, wie wenig wir über die kaum mehr zu überblickende Abhhängigkeit nachdenken. Oder täusche ich mich?

Peter Glaser: Neue Kulturtechniken sind immer Wagnisse und mit Abhängigkeiten verbunden. Die ersten Netze in geschichtlicher Zeit waren die Bewässerungsnetze der alten Ägypter. Da kleine Dorfgemeinschaften die dazu nötige Logistik nicht leisten konnten, erfand man eine vollkommen neue soziale Organisationsform – den Staat. Die Versorgung verbesserte sich, dafür machte sich die Dorfgemeinschaft abhängig von einer weit vom Dorf entfernten Macht. Das Prinzip hat sich bis heute nicht geändert.

Herr Krit: Zuguterletzt die Frage, was wir in naher Zukunft von Dir erwarten dürfen. Ein neues Buch, ein neuer Blogauftritt?

Peter Glaser: Im Lauf des Sommers ein Blog, in dem ich meine Tätigkeit als digitales Trüffelschwein dero gütigster Gewogenheit des p.t. publici submissest anheimstelle, wie wir Österreicher früher mal gesagt hätten. Und eine Novelle. Ich hoffe jedenfalls, dass ich damit noch in diesem Jahr fertig werde. Drückt mir die Daumen.

Herr Krit: Ich drücke mal fleissig mit. Vielen Dank für die vielen interessanten Antworten.

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