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Netz gegen Kinderporno - August 1998

Interview mit Axel Kossel, Pressesprecher der Initiative Netz gegen Kinderporno.


KriT: Wie kam es zu der Aktion "Netz gegen Kinderporno" und wie ist die Resonanz im Internet darauf?

Axel Kossel: Nach dem Fall von Zandvoort rückte die Presse wieder ohne ersichtlichen Grund das Internet und dessen angeblich so wichtige Rolle bei der Verbreitung von Kinderpronographie in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Und prompt wurden wieder Forderungen nach einer härteren Gesetzgebung laut. Dies ist völliger Blödsinn - die Gesetze gegen Kinderpornographie gelten im Internet ebenso wie in allen anderen Bereichen. Doch die juristischen und technischen Gegegenargumente auf solch unhaltbare Äußerungen sind allmählich abgenutzt und gehen in der allgemeinen Senstationsmache immer mehr unter; zumal sie beim "Normalbürger" ohne Internet-Kenntnisse zwischen den "Kopf-ab"-Parolen völlig untergehen.

Wir haben uns daher entschieden, diesesmal nicht zu reagieren, sondern zu agieren. Damit wollen wir unter anderem beweisen, daß die Internet-Benutzer, genauso wie die übrige Bevölkerung, zum allergrößten Teil nicht aus Pädophilen und Päderasten besteht, sondern diese Umtriebe ebenfalls ablehnt. Die Reaktionen darauf sind äußerst positiv und mit ganz wenigen Ausnahmen stellen sich die meisten, die sich bislang gemeldet haben, hinter die Initiative (bislang weit über 300 Einzelpersonen, Firmen und Organisationen).

Daß bislang namhafte Unterstützer noch zögern, liegt nach Aussagen der Verantwortlichen daran, daß diese gerne in den Kreis der Initiatoren aufgenommen werden wollen und sich als Unterstützer unterrepräsentiert fühlen. Wir lassen uns jedoch auf solche Spielchen nicht ein - schließlich geht es um die Sache und nicht um eine PR-Aktion.



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KriT: Ich habe im KriT-Forum ein paar kritische Stimmen zur Aktion gesammelt: Impliziert die Aktion nicht, dass Kinderpornographie eine häufige Erscheinung im Netz ist? Zementiert Sie das Vorurteil vom Internet als Hort des Verbrechens?

Axel Kossel: Wir erhoffen uns eigentlich das Gegenteil. Und die Durchsicht der bislang rund 160 eingegangenen Meldungen geben uns recht. Dabei handelt es sich in den wenigsten Fällen eindeutig um Kinderpornographie, vielmehr überwiegen Meldungen zu Dingen, wie nackte Oberkörper von Kindern. Die Rate an Hinweisen, die für Ermittlungen Anlaß geben, liegt - Doppelmeldungen einmal abgerechnet - unter 10 Prozent. Wenn sich diese Rate nicht noch deutlich ändert, können wir ziemlich deutlich feststellen, daß der Anteil von Kinderpornographie verschwindend gering ist.





 

KriT: Sie fordern anonyme Meldestellen zur Anzeige von Kinderporno im Internet. Es geht die Angst um, dass diese Meldestellen zur Denunziation im Internet anregten, zudem förderten sie durch die Hintertür die staatliche Zensur und Kontrolle im Internet. Übertreibt hier die Kritik?

Axel Kossel: Zunächst geht es bei der Meldestelle ausschließlich um klare Fälle von Kinderpornographie, denen ein Kindesmißbrauch zugrunde liegt. Die Schar derer, die sich vor Denunziation fürchten müssen, ist also sehr gering und soll ruhig soviel Furcht und Angst haben wie nur möglich. Diese Leute dingfest zu machen, ist neben allen Überlegung zum Internet natürlich ein erklärtes Ziel der Initiative.

Für staatliche Zensur und Kontrolle des Internet öffnen wir damit allerdings keine Hintertür. Es geht dabei ja nur darum, die bestehenden Gesetze auf einen eindeutigen Strafbestand anzuwenden. Im Gegenteil: nicht die Provider und Online-Dienste, sondern die wirklichen Straftäter sollen für Kinderpornographie zur Verantwortung gezogen werden. Daß immer wieder auf die Verantwortlichkeit der Provider und mangelnde Abhörmöglichkeiten der Ermittler abgehoben wird, liegt daran, daß die Ermittlungsbehörden für die Arbeit in Online-Medien noch nicht gut genug ausgerüstet und ausgebildet sind. Sie benötigen gerade hier die Unterstützung der Bevölkerung.

Doch die eingangs erwähnte Diskussion um härtere Gesetze hat die Internet-Gemeinde mißtrauisch gegenüber dem Staat werden lassen. Leute, die keine Sekunde zögern, die Polizei zu rufen, wenn sie beobachten, wie das Auto des Nachbarn aufgebrochen wird, klicken schnell weiter, wenn sie im Internet auf Kinderpornographie stoßen.

Wir wollen hier Informationsdefizite abbauen und für Normalität sorgen. Denn unsere Zusammenarbeit mit der Staatsawaltschaft in Hannover hat gezeigt, daß dort keine Theoretiker sitzen, die mit Gesetzesbüchern spielen, sondern Praktiker, die für jede Hilfe dankbar sind, wenn es darum geht, etwa den Vertreibern von Kinderpornographie das Handwerk zu legen.





 

KriT: Wagt der Heise-Verlag sich mit dieser Aktion nicht etwas weit aus dem Fenster?

Axel Kossel: Nun, wenn alle nur reden, passiert nichts. Wer nur den nächsten Schritt des Gesetzgebers abwartet, um dann lauthals zu lamentieren, hilft weder, das Bild der Allgemeinheit vom Internet ins rechte Licht zu rücken, noch den Kinderschändern das Handwerk zu legen. Natürlich kann man die Initiative angreifen, indem man ihr allerlei unlautere Ziele unterstellt. Doch wir haben festgestellt, daß die Internet-Gemeinde unsere Arbeit zum allergrößten Teil sehr positiv beurteilt. Und auch die Unterstützung, die wir hier durch die Staatsawaltschaft erfahren, zeigt deutlich, wie wichtig unsere Rolle als Vermittler ist. Es ist bedauerlich, daß nicht längst andere Betroffene - etwa die Provider - die Initiative ergriffen haben.


KriT: Wie geht es konkret weiter, vor allem mit der Website, der Schnittstelle zum Internet-Publikum?

AK: Wie bereits erwähnt, ist die Qualität der eingehenden Hinweise sehr unterschiedlich. Wir müssen hier noch zusätzliche Aufklärungsarbeit leisten. So fehlt beispielsweise eine klare Definition von Kinderpornographie, die wir gerade in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft erarbeiten. Ferner müssen wir den Leuten helfen, die notwendige Informationsdichte zu ihren Hinweisen mitzuliefern (Log-Files etc.), ohne die die Ermittlungsarbeit nicht möglich ist. Außerdem erarbeiten wir derzeit mit der Staatsawaltschaft eine Möglichkeit, auch Beweismaterial (also ganz konkret Bilder) zu übermitteln, ohne sich dabei der Verbreitung strafbar zu machen. Solche Beweise sind für Staatsawälte besonders wichtig, wenn es beispielsweise darum geht, einen Durchsuchungsbeschluß zu erwirken.


KriT: Vielen Dank für das Interview.


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