Herr Krit interviewt Blogger und Netzleute
1. Februar 2005
Alp Uçkan aus Köln ist freiberuflicher Webdesigner und System-Administrator. Auf seiner Website uckan.info, die zugleich ein Weblog ist, beschäftigt Alp sich fundiert mit Themen wie Open Source, Sicherheit im Internet, Accessibility und Grundlagen des Internets für Einsteiger. Zwischendrin kommentiert er kritisch Ereignisse im Internet und die Weblog-Szene.
Herr Krit: Da ich Deine Themen und Dein Schreiben im Web auch erst so richtig durch Dein Bloggen kennengelernt habe, fange ich wieder mit einer meiner Standardfragen an: Wie und wann hast Du das Bloggen entdeckt und was hat Dich angetrieben, ein Weblog aufzumachen?
Alp: Vorher (1999) habe ich ja gewöhnliche statische Webseiten gemacht. Da habe ich schon “News” auf der Startseite von superbrain.de gehabt und interessante (Usability-bezogene) Links gesammelt. Der Übergang zum Bloggen (im technischen Sinne) war fließend. Anfang 2002 wurden die News auf der Startseite dann durch ein einfaches Weblog-Tool (phposxom) ersetzt. Das Skript wurde dann von mir nach und nach um ein Kommentarskript, Timo Gnambs Trackback-Lösung, Markus Kniebes Editor mit eingebautem weblogs.com-Ping und einen RSS-Feed (mit Hilfe von RSSify) erweitert. Und irgendwann wurde diese Frickel-Lösung dann durch “richtige” Weblog-Systeme ersetzt.
Der Antrieb war damals einfach, dass es wenige deutschsprachige Usability-Sites gab. Die vorhandenen haben alle unreflektiert nach der Schnauze der Usability-Gurus gelabert. Da musste ich einfach opponieren ;-)
Herr Krit: Dass Du gut opponieren kannst, kann der interessierte Leser in Deinem Weblog nachlesen. ;-) Hat denn das Opponieren in dem Fall etwas genützt?
Alp: Bis auf ein paar Lesermails gab es damals nicht soviel Feedback. Aber es gab eine hohe Nachfrage nach meinen damals kostenlos angebotenen heuristischen Website-Analysen. Und Marcus Völkel schrieb mal, dass wohl einige im Laufe der Zeit “uckanized” worden sind ;-) Das ist für mich Nutzen genug.
Herr Krit: Usability ist ja ähnlich wie Barrierefreiheit zum Marketing-Stempel mutiert, den man sich mit großen Worten auf die Website drückt. Wie trennt man heute die Spreu vom Weizen?
Alp: Da sagst du was. Deshalb habe ich mich im Laufe der Zeit auch immer mehr von diesem Thema ab- und mich anderen, neuen Themen zugewendet. Einen guten Usabilitologen erkennst du an seinen Arbeiten. Guck auf das, was sie fabrizieren, nicht auf das, was sie sagen.
Herr Krit: Ein weiteres Thema, mit dem du Dich intensiv beschäftigst, heißt Wissensvermittlung. Warum und was gibt es her?
Alp: Ich habe schon im frühen Alter (ca. ab dem 15ten Lebensjahr) großes Interesse für Psychologie, Lernen und die hirngerechte Wissensvermittlung gezeigt. Ich hörte von “Superlearning-Sessions” (auch Suggestopädie genannt), bei denen überdurchschnittliche Lernerfolge erzielt wurden. Mit meinem ersten Projekt (superbrain.de) wollte ich diese Erkenntnisse auf die Wissenvermittlung im Netz anwenden und kam dann darüber zu Themen der “Human-Computer-Interaction”.
Ausserdem habe ich viel praktische Erfahrung als “Wissenvermittler” gesammelt. Mit 14 trainierte ich eine 40-köpfige Truppe in der Teakwon-Do-AG unseres Gymnasiums. Mein (abgebrochenes) Wirtschaftsinformatikstudium habe ich teilweise mit Nachhilfe in Mathematik und Erwachsenenbildung (EDV) in verschiedenen Nachhilfe-Organisationen in Köln und Umland finanziert. Und ich war darin gut. Trotz Geld-zurück-Garantie bei nichtbestandener Prüfung habe ich bei insgesamt 50 Schülern über 2,5 Jahren nur einen Fall gehabt, wo die Schülerin ihre Prüfung nicht bestanden hat, was aber mehr an ihrem familiären Umfeld lag.
Wissensvermittlung ist ein Dauerthema für mich und ich bin starker Verfechter des “Lebenslangen Lernens”
Und auch heute profitiere ich von dieser Erfahrung, wenn ich z.B. Anleitungen schreibe, oder DAUs einweise (z.b. bei Support-Tätigkeiten in Firmen).
Wissensvermittlung ist ein Dauerthema für mich und ich bin starker Verfechter des “Lebenslangen Lernens”.
Herr Krit: Du pflegst eine Linksammlung über Human-Computer-Interaction (HCI). Was meint der Begriff? Und naiv gefragt, baut man damit auch bessere Websites?
Alp: Ok, ich denke niemand will hier jetzt die allgemeine Definition von HCI hören. Die kann man ja überall nachschlagen. Für mich ist es eine Betrachtungsweise auf das “Gesamtsystem” Mensch und Maschine. Als “Geek” betrachtet man nur die Maschine oder die Software. Man findet dabei Gefallen oder Begeisterung an der Funktionsweise an sich. Kommt aber der Mensch mit ins Spiel, verändert sich alles. Dann “funktionieren” Dinge auf einmal nur, wenn sich zwischen der Arbeitsweise der Maschine und der des menschlichen Gehirns Schnittmengen bilden. Diese feine Schnittmenge zu finden ist die ganze “Kunst” in der HCI-Lehre.
Da Websites auch nur eine Art Benutzeroberfläche für die dahinterliegenden Informationen und Funktionen eines Systems sind, würde ich – ganz naiv – sagen: Ja, damit kann man bessere Websites bauen. Vielleicht nicht perfekte, aber bessere ;-)
Herr Krit: Auf Deiner Site widmest Du Dich verschiedenen Einsteigerthemen. Was sind die aktuellsten (oder welche sind Dir am wichtigsten), wie kommen sie an und was motiviert Dich, sie anzubieten? Ich weiss ja aus eigener Erfahrung, dass Anleitungen recht viel Arbeit machen, und manchmal das Feedback mehr als der Text selbst.
Alp: Ich behandle Einsteigerthemen, die mir persönlich wichtig sind. Wenn ich z.B. möchte, dass die Leute den MS Internet Explorer in die Tonne kloppen (und das ja auch immer wieder lautstark in meinem Weblog propagiere), dann muss ich auch die Hilfe dazu liefern. Wenn man so etwas nämlich “verlangt” und der Laie das liest, können Frustgefühle entstehen (“Ja toll ihr Angeber, ihr könnt das ja auch. Aber wie soll ich…?”)
Das aktuellste Thema, wo auch am meisten Aufklärungsbedarf herrscht, ist “Sicherheit” im Netz und auf einfacher Anwenderebene. Hier können solche Anleitungen maßgeblich dabei helfen, die 2-Teilung der Netzbewohner zu verwischen. Da gibt es nämlich die “Opfer”, deren Rechner ständig verseucht sind, deren Daten immer mehr ausgespäht werden und deren Rechner für Missetaten gekiddnapt werden (ohne, dass sie es meist wissen) und die, die sich immernoch einigermaßen sicher durchs Netz bewegen können.
Aber man muss klein anfangen. Erst der richtige Browser, dann das richtige Emailprogramm, dann die Verschlüsselung … und irgendwann hoffentlich das richtige Betriebssystem. Der Zweck ist die Sensibilisierung.
Das Feedback auf solche Anleitungen war bisher durchweg positiv und ich werde damit weitermachen, wann immer es meine Zeit erlaubt.
Herr Krit: Beim Stichwort Zeit fällt mir Deine Freiberuflichkeit ein. Was schätzt Du an ihr und was nicht?
Alp: Wie die meisten Freiberufler schätze ich, dass ich meine Zeit frei einteilen kann. Und dass ich mein eigener Chef bin. Ich bin erst seit Mitte 2001 richtig selbstständig und habe mich vorher – wie viele – in verschiedenen Firmen als Admin oder Datenbankentwickler verheizen lassen. Was ich am wenigsten ertragen konnte war, für die Fehler meiner größtenteils unfähigen Vorgesetzten einstehen zu müssen. Wenn ich jetzt nur für meine Fehler bezahlen muss, kann ich damit leben und sogar daraus lernen.
Was mir daran nicht so gefällt … die Steuererklärungen ;-)
Herr Krit: Hör mir auf mit Steuererklärungen! ;-) – Spannender: Wie gewinnst Du Kunden? Hilft Dir Dein Weblog eigentlich dabei, zum Beispiel weil potentielle Kunden Dich über bei Google verlinkte Artikel entdecken?
Alp: Das Weblog selbst bringt erst seit 2 Jahren Kunden. Und auch nur 1-2 Stück pro Jahr. Erst vorgestern hat sogar ein Ingenieurbüro Jabber nach meiner Anleitung installiert und mich einfach angequatscht (auch dafür lohnen sich manchmal Anleitungen, um die obige Frage zu vervollständigen).
Ich gebe aber ehrlich zu, dass ich nicht öffentlich die Details meiner Aquisemethoden verraten möchte ;-) Den größten Teil aquiriere ich immernoch aus meinem Umfeld, aus der Hunde-Szene und aus früheren Geschäftsbeziehungen.
Wichtig ist auf jedenfall, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Ob auf (offline-)Parties / Veranstaltungen oder in Online-Communities, die man aufbaut … man muss zuhören und herausfinden, wie man jemandem helfen kann. Am Anfang braucht man viel Geduld und es war zeitweise auch recht hart für mich. Aber irgendwann läuft das Rädchen fast von allein.
Herr Krit: Mist, ich dachte, ich könnte noch ein paar Akquise-Tipps mit in die Nacht nehmen. ;-) Aber Spässken beiseite, ich hoffe, ich darf jetzt kurz vor Torschluss noch zum privaten Alp überleiten. Ich weiss, Du magst Tantuni heiß und innig und bist ein Freund von Windhunden. Was tust du und wer bist du, wenn Du nicht am Rechner sitzt oder Kunden bedienst?
Alp: Leute besuchen, mit Freunden abhängen, manchmal mit ihnen per Playstation oder Gamecube abdaddeln … mit Diva im Wald rumlaufen (naja, nicht wirklich … sie schafft immerhin 50-60 km/h), ihr ein paar Tricks beibringen, Versuchskaninchen für die asiatischen Kochkünste meiner Freundin spielen ;-)
Ich gehe gerne einmal im Monat in den Weinshop, neue Spätburgunder ausprobieren. Fotografieren lernen (mit meiner neuen Sony Cybershot DSC F828) … oder einfach nur Abends einen guten Film genießen.
Herr Krit: Danke für das Interview (Du antwortest wahrlich schnell :-) Nun hast Du das letzte Wort. Fehlte ein Thema, liegt Dir etwas auf dem Herzen oder hast Du gar eine Antwort auf die Frage aller Fragen? ;-)
Alp: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst … achja und: 42 ;-) – Ich danke ebenfalls für das Interview.
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