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2023 days ago | bytebaby |
Wie ich mit meiner ersten Gitarre ins kalte Wasser sprang, einen Verstärker improvisierte und die Soli von Muddy Waters in Grund und Boden spielte, ohne je einen Akkord geübt zu haben.

Im Sommer 1977 war ich bei Karstadt und sah eine Gitarre für 179 DM. Der Preis lag zwar nicht im Rahmen meines ersten Azubilohns, aber ich war fest entschlossen, hatte ich doch eine Oma, die sich überreden ließ.

Wenig später hielt ich sie als mein Eigen und herzklopfend in den Händen. Vorher konnte ich dem Verkäufer noch ein Kabel abbetteln, das mir aber nicht weiterhalf, da ich keinen Verstärker besaß. Entsprechend mikrig klangen die ersten Töne, die die Familie extrem verständnisvoll wahrnahm. Meiner Mutter entlockten sie Worte wie Spinner und Polizei. Später drohte sie mit Enteignung und Herzversagen.
Zum Glück hatte ich einen Plattenspieler, auf den ich vor dem Kauf schon baute. Das war ein roter mit abnehmbarem Deckel, in dem der Laufsprecher eingebaut war. Da ich was weg hatte von Spielereien mit elektrischen Teilen jeder Art - meine erste Klimaanlage bestand aus einem ausgebauten Staubsaugermotor - hoffte ich, verzerrte Töne mit einem Adapter Marke Eigenbau zu erzeugen. Mit viel Lötgeschick gelang es mir, den Verstärker des Plattenspielers anzuzapfen. Der keuchte arg verzerrt und entlockte mir Triumpfgefühle der nie gekannten Art.
Da der Weg von der Küche zum Kinderzimmer recht kurz war, wurde das Aufheulen und Schimpfen meiner Mutter schnell lauter, während ich entzückt in die Seiten hackte und mich als Gitarrenstar imaginierte, wobei das Stimmen der Gitarre keine Rolle spielte. Später erfuhr ich, dass sich die Gitarre nicht wirklich stimmen ließ. Ich erfuhr auch, dass es günstige Vorverstärker zum Selberbauen im Elektronikladen gab. Das machte mir Mut. Denn die Verzerrungen meines Plattenspielers reichten nach kurzer Zeit nicht mehr aus, um mein Bedürfnis nach harten Tönen zu befriedigen. Zudem war meine Theorie, dass sich die falschen Töne durch extremste Verzerrungen verschönern liessen.
Ich war solobesessen. Manche LP tat ich als Fehlkauf ab, weil kein langes Gitarrensolo darauf zu hören war. Dann war die Enttäuschung groß. Als ich dann den Blues entdeckte, war ich hin und weg. Muddy Waters erzeugte Schübe von Gänsehautwellen und Nachahmungstriebe. Ich versuchte seine Soli nachzuspielen, was ich ungefähr nach einer Stunde für lange Zeit aufgab. Mir fehlte alle Kenntniss der einfachen Harmonielehre.
Mir dämmerte, dass ich etwas lernen müsse. 12 Takte und wie man eine Gitarre stimmt. Das kam später, als ich mir ein Stimmgerät leisten konnte und mit neuem Mut an ein Buch von Peter Bursch ging. Aber Akkorde interessierten mich kaum, nur Solis, immer nur Solis. - bytebaby