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Interview mit Carola Heine

Über alltäglichen Sexismus und provozierende Emanzen, über Zählerbetrug und Erfolg im Web


KriT: Deine erste Homepage heißt "Home of The Melody". Was bedeutet das?

Carola: Melody ist vom allerersten Online-Tag an mein Pseudonym gewesen und ich bin auch immer wieder erstaunt, wieviele völlig fremde Personen mich unter diesem 'Nickname' kennen. Und obwohl das englische Wort für Melodie süß und lieb klingt, steht Melody doch für "starke Online-Präsenz und bissige Schlagfertigkeit" (Zitat Ende). Logisch also, daß ich meine Homepage so nannte. Zu dem Zeitpunkt erwartete ich allerdings nicht mehr Abrufe, als die Cyberbekannten zu haben - ich rechnete mit einigen hundert bis eintausend Besuchern im Jahr und wäre damit auch durchaus nicht unzufrieden gewesen, im Gegenteil.

KriT: Was bietet "Home of The Melody" und wie bist Du dazu gekommen, eine eigene HP ins Netz zu stellen?

Carola: Das ist 'nur' meine private Homepage, eine Stätte eitler Selbstdarstellung... :-) Meiner Meinung nach sind alle Webseiten selbstdarstellerisch - einige beherrschen diese Kunst perfekt und unterhaltsam, andere bieten, um noch einen Bekannten zu zitieren "... das Zurschaustellen der eigenen dumpfen Gefühlswelt samt uninteressanter persönlicher Details, im Netz dank der fehlenden Qualitätskontrolle zum Volkssport geworden.." Und der konkrete Anlaß war, daß der ECON-Verlag keine eigene Homepage hat bisher. Mein erstes Buch erscheint dort im März und man kann sich einen Cyberspace-Roman nur schlecht ohne Online-Werbung vorstellen, oder?
Wenn man aber schon Aufmerksamkeit für sich und seine Werke erregen möchte, sollte man dem Leser auch etwas bieten. Das versuche ich, indem ich gelegentlich eine Kurzgeschichte ins Web stelle, Links und Literarisches sammle und ein Webtagebuch führe. Es gibt also eine Menge zum Stöbern. Trotzdem ist Home of The Melody einzig und allein meine private Homepage.

KriT: Du hast noch zwei weitere Projekte im dicken Web: "Webfehler" und die "Emanzen-Homepage". Was machst Du hier und was bezweckst Du damit?

Carola: Der Webfehler ist ein Kreativprojekt, an dem sich jeder beteiligen kann. Es gibt Gedichte, Kurzgeschichten, eine Kinder-Ecke und WEBSTUHL-Geschichten zum Mitschreiben, außerdem natürlich eine Liste weiterer kreativer Projekte im Web und die Möglichkeit, andere Autoren zu kontaktieren und sich mit ihnen auszutauschen. Es gab auch schon einige Treffen, die allerdings eher genußsüchtig als künstlerisch waren :-))) Jedenfalls würde ich eine Star Trek Premiere mit einem mexikanischen Fressgelage und Irish Pub Besuch nicht gerade als Künstlertreffen bezeichnen. Aber es war jedesmal toll.
Die für den Webfehler eingereichten Beiträge werden von mir nicht auf Qualität durchgesehen bzw. ich bilde mir nicht ein, beurteilen zu dürfen, was gut oder schlecht ist. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, daß man sich nur durch Erfahrung, Austausch und intelligente Kritik weiterentwickeln kann und das bedeutet, daß man manchmal eben auch mit weniger brillanten Texten eine Chance bekommen muß. So habe ich einige Male miterleben dürfen, wie jemand aus holperigen Anfängen heraus nachher richtig gut und unterhaltsam geschrieben hat. Und das möchte ich im WEBFEHLER anbieten: Eine Chance auf Veröffentlichung. ABER wir sprechen hier nicht von einem Webgrab für Aussenseiter-Texte! Viele Beiträge sind wirklich toll und es macht grossen Spaß, an diesem Projekt zu arbeiten.

Die Emanzen-Homepage ist wieder eine völlig andere Geschichte. Es gibt sie erst seit knapp 5 Wochen und ich weiß noch nicht genau, was daraus wird. Keine sehr unauffällige Geschichte jedenfalls... Mich ärgert im Alltag und auch im Web vieles am sogenannten typisch männlichen Verhalten. Und ich weiß, daß ich da durchaus keine exotische Quertreiberin bin, sondern daß es sehr, sehr vielen Frauen ebenso geht. Nun geh' aber mal hin und versuche eine sachliche und erfolgbringende Diskussion über Gleichberechtigung und Geschlechterproblematik in den 90er Jahren - das will doch keiner wissen. Leider. Aber provokant aufzutreten und zu sagen "Ja mein Kleiner, Du hast recht, ich bin eine Emanze und Du bist absolut nicht zufriedenstellend", das macht nicht nur mehr Spaß als Verbissenheit, es regt auch Leute zu Diskussionen und zum Nachdenken an, die das vorher vielleicht niemals getan hätten. Abgesehen davon befinde ich mich in der außergewöhnlich privilegierten Lage, mir aussuchen zu können, wann ich mich in eine engagierte biestige Feministin verwandel und wann lieber nicht. Erschreckend ist nur, wieviele Mails ich von Frauen erhalte, die sich mit dieser bohrenden kleinen Unzufriedenheit alleingelassen und unverstanden fühlten und die nun förmlich aufatmen, weil sich mal jemand öffentlich "auskotzt". Es gibt auch einige Frauen, die ihre Mail nicht abgedruckt sehen möchten, aber nachfragen, wie ich denn dies und das regeln würde, wenn ich in der und der Situation wäre. Dabei geht es mir doch nicht anders als ihnen ... wenn ich den EDV-Support in der Firma anrufe, fragen die Herren mich ebenso mildtätig-herablassend, ob ich denn meinen PC auch eingeschaltet habe ohne eine Diskette im Laufwerk, wenn ich schon meinen würde, ein technisches Problem zu haben... Allen Frauen geht es so, und kein Mann hat eine Ahnung, wie sich das anfühlt. Könnte ja sein, daß die Lektüre der Emanzen-Page den einen oder anderen wenigstens zum Nachdenken anregt.

KriT: Man hat Dir einmal Zählerbetrug unterstellt. Daraus ist, wenn ich richtig beobachtet habe, ein ziemlich fieser Streit geworden. Erzähl doch mal kurz und konkret (ohne Anspielungen), was da passiert ist. Hast Du ein Resümee aus dieser Erfahrung gezogen?

Carola: Man hat mir nicht Zählerbetrug unterstellt in dem Sinne, daß ich meinen Zahler manipuliert hätte - daß ich das nie habe, ist schon von Anfang an klar und eindeutig nachvollziehbar gewesen, meine Abrufzahlen sind immer unverfälscht. Die Situation war im Prinzip ziemlich ironisch. Ein Mensch mit einer sogenannten Humor-Homepage hat mir öffentlich im WebHits-Forum unterstellt, ich haette mich mit einer kommerziellen Homepage (Home of The Melody) in die private Top100 der kleinen WebHits-Charts gemogelt. Meine Page ist nicht kommerziell, darüber muß ich gar nicht erst diskutieren, allerdings habe ich mich gegen seine unsachliche und emotionsüberladene Reaktion verwahrt. Ich führe seinen Wutaufbruch auf seine persoenliche Situation zurück - die Abrufe auf seiner Page sanken um durchschnittlich 550 Abrufe am Tag, nachdem der WebHits-Zähler nicht mehr manipuliert werden konnte, außerdem hatte ich ihm bereits einige Male zuvor mitgeteilt, daß ich keine Mail-Kontakt mit ihm wünschte. Wenn Du es schon als einen häßlichen Streit betrachtest, wenn man sich gegen unqualifizierte üble Nachrede wehrt, wünsche ich Dir, nie in echte Schwierigkeiten verwickelt zu werden. War das direkt genug? :-)

KriT: Ja, war es. - Deine Projekte laufen sehr erfolgreich. Was tust Du dafür? Wie sieht Dein Online-Alltag aus?

Carola: Was tue ich dafür? Ich bringe mich ein. Da ich nicht weiß, inwiefern sich das bei mir von anderen Homepage-Besitzern unterscheidet, müßtest Du diese Frage vielleicht etwas ausweiten? Ab und zu investiere ich ein ganzes Wochenende, ansonsten bin ich etwa eine Stunde am Tag mit dem Bearbeiten, Beantworten und Verarbeiten von E-Mails zu meinen Homepages beschäftigt oder mit dem Homepage-Grossraum selbst. Viele meiner Freunde sind online, und da ich die deutsche Faxclub-Szene mit begründet habe, ist Kommunikation per Fax, E-Mail und Telefon schon seit Jahren eine absolute Selbstverständlichkeit für mich. Ich finde auch gar nicht, daß diese Projekte so furchtbar erfolgreich sind. Zwar bin ich sehr zufrieden, aber ich sehe keinen Grund, den Boden zu verlassen und die Nase in die Luft zu strecken. Hohe bzw. relativ hohe Abrufzahlen entstehen manchmal auch durch 'dumme Zufaelle', wenn man irgendwo in den Medien erwähnt wurde oder so. Das bedeutet noch lange nicht, daß jeder gezählte Surfer auch geblieben ist oder mein Projekt mochte.

KriT: Im März kommt Dein erstes Buch heraus. Über was schreibst Du? Kannst Du den KriT-Lesern etwas mehr verraten, als auf Deiner Page steht?

Carola: Es ist eine Online-Geschichte, die vor allem für DFÜ-Anfänger geeignet sein sollte. Wer sich im Cyberspace bewegt, wird vieles wiedererkennen. Da es mir darum ging, einen Einstieg in die vielfältigen Möglichkeiten zu bieten, ist die Handlung eine freche kleine Liebesgeschichte. Ich sah keinen Sinn darin, die vielen Informationen mit internationalen Verbrechen, Kinderpornographie oder schwer gestörten Hackern zu belasten, es sollte Unterhaltungslektüre sein und ich glaube, daß hat ganz gut geklappt. Kein Nachfolger von "Krieg und Frieden" also, für mich persönlich aber ein guter Start bzw. ein toller Punkt auf dem Lebenslauf. Ich würde eine Buchveröffentlichung aber auch nicht so überbewerten, ehrlich gesagt. Es ist schon toll, aber viele Dinge im Leben sind wichtiger.

KriT: Stichwort Webkultur? Was assoziierst Du zum Begriff?

Carola: Freie und spontane Assoziation: Webkultur? Fehlt vielen. Manchmal denke ich, es ist einfach zu simpel, mal eben eine CD einzulegen, ins Web zu stürmen und auf den Rest der Netizens losgelassen zu werden. Es aergert mich, wenn jemand sich ueber Nicknames erhaben fuehlt, Homepagebesitzern Selbstdarstellung vorwirft oder die eigene Persoenlichkeit ueber Abrufzahlen definiert. Sexdeppen im Chat, das Internet als Kontaktboerse, Topmodels topless und dazwischen wunderbare kleine Pralinen im Web wie dieses Kulturprojekt und die Seiten von Claudia Klinger, die Gefahr laufen, unterzugehen.... Aber: Es gibt sie, die Webkultur, das macht Mut :-)

KriT: Beschreibe Dich doch mal mit ein paar prägnanten Sätzen.

Carola: Prägnante Sätze zur Selbstbeschreibung.... was für eine ekelige Aufgabenstellung. Ich denke, das lasse ich aus. Vielleicht reicht es, zu sagen, daß ich sehr geradeheraus bin und nicht einsehe, warum ich in meiner Freizeit etwas tun soll, daß mir nicht gefällt. Solche Fragen beantworten, zum Beispiel, die man außerhalb eines Bewerbungsgesprächs eigentlich nicht beantworten muß. Schon gar nicht, wenn man so eine weit geöffnete Homepage hat :-)

KriT: Wie siehst das Cyberzine KriT: Hast Du Kritik oder Anregungen?

Carola: KRiT gefaellt mir gut. Ich sehe regelmäßig dort vorbei und freue mich, wenn sich wieder etwas getan hat. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Projekten finde ich gut, obwohl es für mich persönlich nicht erstrebenswert ist deswegen kann ich es doch trotzdem sinnvoll und interessant zu lesen finden, wenn Ihr Euch ergänzt. Auch die Diskussion über Netzzukunft finde ich sehr interessant. Ich habe sie der Marketing-Abteilung meiner Firma ausgedruckt, die endlich unsere Homepage umstrukturieren. Als intelligente Anregung.

KriT: Es ist geschehen, hiermit sei Dir der KriT-Apfel zur Stärkung überreicht. Freust Du Dich?

Carola: Ja, ich freue mich. In der Schwemme der Awards funkeln doch die einen oder anderen mit einer gewissen höheren Qualität. Der KriT-Apfel gehört auf jeden Fall dazu. Ich neige mein störrisches Haupt :-) und bedanke mich fuer das Interview bzw. die Gelegenheit dazu. KriT ist ein Projekt, das ich respektieren kann und Du weißt ja, mit dem Apfel fing alles irgendwann mal an....

Home of The Melody