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Heute so, morgen anders

wo:di:le:, Freund und Mentor von Mitmachprojekten, über das Schöne am IRC und das Häßliche im Web, über Mitmachprojekte und Netzliteratur, über das »Heute so, morgen anders«.


KriT: Dein erstes nicht mehr zu besichtigendes Projekt bleibt mir ob der schönen und schnellen Navigation und unterhaltsamen Selbstdarstellung in guter Erinnerung. Mit Deinen aktuellen Projekten hast Du nun eine andere Richtung eingeschlagen: Hier nimmst Du Dich als Person ganz zurück, gibst nur indirekt über Deine Geschichten etwas von Dir preis und konzentrierst Dich stattdessen auf Mitmachprojekte. Wie kam es zu diesem Wandel?

wodile: Nun, mir war irgendwann gegen Mitte April das Konzept der Webaktivitäten, die ich bis dahin betrieben hatte, endgültig zu lästig geworden. Gleichgültig, wie die Site gerade hieß - »A Virtual Home« oder »Destination Wodile« - oder wo sie gerade lag - Uni-Lehrstuhl oder CompuServe - es war immer wieder »Homepage« im Wortsinn, was ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr wollte.

Es hatte sich mittlerweile eine große Anzahl von Photographien angesammelt und Lesestoff war ebenfalls reichlich vorhanden, insofern fand ich die Selbstdarstellung, die ein paar Klicks weiter stattfand, schlichtweg irrelevant. Ich möchte den Besuchern eines Webprojektes von mir ja auf irgendeine Weise etwas künstlerisches geben, seien es nun Ideen, die in Texten stecken, oder das gute Gefühl, ein ästhetisch ansprechendes Photo zu betrachten. Was ich eigentlich nicht möchte ist »Hi, ach, Du studierst auch dieses und jenes?«. Es mag zwar viele Menschen geben, denen das sehr viel gibt und die auch einen wesentlichen Aspekt von Webkommunikation darin sehen, aber es ist nicht der Grund dafür, daß ich ein Webprojekt betreibe.

 

 

Das liegt wahrscheinlich auch daran, daß ich für den Aspekt der direkten, zwischenmenschlichen vernetzten Kommunikation an sich weniger das Web nutze, sondern eher andere Dienste - allem voran das gute alte IRC. Mein Einstiegspunkt in das Internet :o). Das ist zwar nicht so schön bunt wie das Web - ich habe nach wie vor keinen Chat-Client und tippe per Telnet auf der Unix-Shell herum - aber es ist eine ganz andere Art von Kommunikation als die Selbstdarstellung auf einer Homepage. Direkter, emotionaler, manchmal auch kontroverser. Insgesamt das ideale Medium dafür, sich persönlich rüberzubringen. Oder das, was man gerne wäre.

Also gut, weg damit von der Homepage. Die Frage lautete nun also: »Läßt sich dieser Schritt konsequent auf Deiner derzeitigen Adresse durchführen?« Die Antwort war eindeutig: »Nein!«. Es ist bei den großen Providern durchweg so, daß die Adresse der Homepage direkt an die Mail-Adresse geknüpft ist. Und damit liegt stets etwas personenbezogenes vor, gleichgültig, wie man es dreht und wendet. Natürlich hätte es noch die Möglichkeit gegeben, dieses Problem zumindest teilweise über einen Redirect zu lösen, ich mag in solchen Dingen jedoch keine halben Sachen.

Heraus kam also am Ende aller Überlegungen die eigene Domain, die mit einem Namen versehen war, der erst einmal so gut wie gar keine Assoziationen hervorruft, sofern man nicht gewisse, housige Vorgeschichtchen kennt. Ich hätte das ganze natürlich auch »wodile.com« nennen können, was für mein Vorhaben aber gar nicht erst infrage kam. Es sollte sich alles um den Content drehen, ob dieser nun von mir war oder von anderen. Jedenfalls - es war eine wundervolle Situation: ein Gefäß, in dem nichts, aber auch wirklich gar nichts drin war, und das nun nach Lust und Laune gefüllt werden konnte.

 

 

Der Gedanke des Mitmachprojektes entwickelte sich aus dieser Situation heraus dann fast von selbst. Denn, wenn schon die Domain an keine Person mehr geknüpft ist, sind eigentlich alle Türen zu allen Seiten offen, man muß die Menschen nur eintreten lassen. Natürlich führt das Mitgestalten durch andere auch zu Bindungen und Vernetzungen, was gerade bei einer an sich neutralen Domain enorm wichtig ist. Ohne Vernetzung bleibt sie neutral, mit dem Ergebnis, daß der Name niemandem etwas sagt. Das ist ein bißchen die Kehrseite der Medaille - man ist ganz auf sich selbst gestellt, was die Bildung von Profil angeht.


KriT: Stichwort IRC. Christine Kühnel sagte in einem Apfel-Interview sinngemäss, jeder, der Internet mit WWW gleichsetzt, verpasst etwas. Das bezog sich auf ihre Erfahrungen mit Newsgroups. Was verpasst der www-fixierte Newbie, wenn er das IRC nicht kennenlernt? Oder anders gefragt, was wäre Dir entgangen?

wodile: Ich denke, daß das IRC zusammen mit den Newsgroups das »anarchistische Ende« des Internet bildet. Wer sich mit diesen Teilbereichen nicht beschäftigt, sieht doch eigentlich nur die glitzernde, multimediale Fassade des Web und läßt sich davon blenden. Es ist ein bißchen so wie der Unterschied dazwischen, ob man zum Schaufenster betrachten in die Stadt fährt, oder zum Kneipenbummel. Ersteres kann manchmal auch etwas erbauliches haben, wäre da bloß nicht der ständige Blick auf die Preisschilder, auf denen Summen stehen, die ungefähr meinem Kontostand entsprechen ;o).

Wir hatten in Erlangen bezüglich des IRC eigentlich lange Zeit eine sehr schöne Situation: es gibt hier ein Bürgernetz namens FEN. Man zahlt eine einmalige Anmeldegebühr und darf sich dann einwählen, wie es einem gefällt. Vorausgesetzt, die Leitungen sind frei, was abends mittlerweile ein Problem ist. Als ich im August 95 stolz mit einem 14.4er-Modem nach Hause kam und die Einwahlnummer vom FEN hatte, gab es dort noch kein buntes Web, kein PPP und auch nichts ähnliches - außer einem Lynx-Port zum Web, aber der reichte höchstens mal zum reinen recherchieren. Der Zugang bestand aus einem Telnet-Account, ähnlich den guten alten Mailboxen. Es war alles sehr lokal ausgerichtet: es gab Diskussionsbretter zu lokalen Kneipen und Restaurants, eine Dönerhitliste (danke, Hägar), etc. und vor allem einen Chat, der sich in zwei Teile gliederte: einen lokalen und einen internationalen - wobei der internationale sich auf den Zusammenschluß von 2 kleinen Chatservern beschränkte, er war also sehr übersichtlich. Meistens tummelte man sich im lokalen Chat, wo eigentlich auch stets dieselben 100 bis 150 Leute anzutreffen waren. Man konnte sich abends einloggen, ging in Channel #1 und sagte »Hi Leuts, wer geht heute noch ins Kino?« 30 Minuten später saß man im Bus. Auch im internationalen Bereich ging es recht gemütlich zu, nach 2 bis 3 Monaten kannte man auch dort die meisten Nicks. Und die meisten kannten »wodile« ,o].


Ich denke, daß das IRC zusammen mit den Newsgroups das »anarchistische Ende« des Internet bildet


Was ich durch diese Erfahrung gelernt habe, ist, daß der Schlüssel zur Zukunft des Internet - wenn wirklich JEDER einen Zugang hat - nicht das oft beschworene »Global Village« ist, keine »Push-Technologie« und kein »XML-Hyper-Hightech«, sondern eine schlichte Regionalisierung innerhalb der Globalisierung. Auf der einen Seite also eine immer stärkere, weltweite Ausbreitung zu allen Seiten, auf der anderen Seite aber auch ein Zusammenfinden der Menschen in Gemeinschaften, die letzendlich doch wieder von Lokalkolorit geprägt sind. Ich verfolge in diesem Zusammenhang auch seit einiger Zeit den Gedanken der »Virtual Neighborhood«, die nahezu deckungsgleich mit der »Real Neighborhood« ist, nur eben auf vernetzter Ebene Austausch betreibt. Möglich, daß so etwas einmal unseren ganzen Arbeits- und Lebensrhythmus bestimmen wird. Vielleicht stelle ich bei Gelegenheit mal ausgewählte Meinungen sowie meine eigenen Beiträge dazu auf einer eigenen Site zur Diskussion (http://moreea.com/hood/ ... kommt noch).

 

 

So. Wer nun aber heute direkt ins Web startet, irgendwo bei einem preiswerten no-Limit-Anbieter, der wird so etwas wie »Neighborhood« gar nicht mitbekommen. Er wählt sich ein, und landet prompt in etwas, was aus seiner Sicht zuerst einmal wie eine Art weltweite Einkaufsgalerie aussieht. Schließlich klicken sich viele Newbies zuerst der Werbung entlang und stoßen so erst wesentlich später auf die »private Homepageszene«; so etwas wie IRC oder Newsgroups finden sie fast nie. Die Folge davon dürfte eine ganz andere Grundeinstellung gegenüber dem Internet sein: wer zuerst im IRC, in Foren oder Newsgroups startet, wird das Internet immer als ein Bündel unterschiedlicher Möglichkeiten sehen, die alle irgendetwas mit Kommunikation zu tun haben. Einmal bunt und flimmernd, ein anderes mal persönlich und emotional. Wer am Anfang ins bunte Web geworfen wurde, orientiert sich meist wesentlich stärker am rein funktionalen Aspekt, rund um »Shopping« und »Information«. Es sind dann auch die Leute, die regelmäßig die Hypes von »Push« bis »XML« durch die Welt tragen, über die die erstgenannte Fraktion müde lächelnd den Kopf schüttelt. Kommunikation bleibt schließlich Kommunikation, egal, wie die Technologie dahinter gerade heißt.


KriT: Das Web scheint in Deinen Augen ja nicht die besten Karten zu haben. Ich kenne aber einige Webgeister - ich schliesse mich ein - die zuerst übers WWW den Einstieg ins Internet fanden und später erst die anderen Dienste kennenlernten. Ich wüsste schon einige Stärken und Vorteile des WWW gegenüber den klassischen Diensten Newsgroup, IRC und eMail zu benennen. Du auch?

wodile: Sicherlich. Das Web hat gegenüber den genannten Diensten ja zwei große Vorteile:
1) es ist präsenter, ich muß den Menschen also nicht permanent hinterherlaufen, um - als Beispiel - meine literarischen Machwerke zu verbreiten. Natürlich ginge das auch über das Usenet oder über Mailinglisten, jedoch sind dies beides Medien, die einfach zu flüchtig für diesen Zweck sind. Es fehlt gewissermaßen der archivierende Charakterzug, aus meiner Sicht einer der wichtigsten Aspekte des Webs für den Bereich, in dem unsere Community sich betätigt. Bei Newsdiensten oder Unternehmenspromotion muß das nicht unbedingt stimmen - manchmal ist das Web in diesem Fall fast das falsche Teilmedium für das, was man sich vornimmt. Aber da es »in« ist, muß ja jede noch so sinnlose Aktion im Web durchgeführt werden ,o].


Ich habe einen Traum, und er heißt »Cascading Voice Sheet«


2) wäre es ohne Web gar nicht möglich, »multimediale« Gesamtkonzepte zu erstellen. In dieser Hinsicht stehe ich natürlich gerade erst am Anfang - die Verknüpfung von Texten, Bildern und ein paar Applets ist noch nicht das Highlight, was mir eigentlich vorschwebt. Es bietet dem Durchschnittssurfer noch nicht genügend Anlaß, sich mit in Text gefaßten Ideen zu beschäftigen. Die meisten lesen nicht am Monitor, also muß man sich gerade im literarischen Bereich neue Möglichkeiten einfallen lassen, die Ideen zu transportieren. Ich habe in dieser Hinsicht einen Traum, und er heißt »Cascading Voice Sheet«. Das würde folgendermaßen funktionieren: in einer Datei auf dem Webserver würde das Stimmschema eines Autors festgelegt. Beim Aufrufen eines Textens würde nun die Option bestehen, den Text zu lesen oder ihn sich vom Autor »vorlesen« zu lassen. Dies würde dann erfolgen, indem der Browser auf das »CVS« zurückgreift, sich so die Sprachdaten holt, und anschließend die Ausgabe über Lautsprecher startet. Das wäre phantastisch ... und natürlich wieder eine Angelegenheit, die sich in dieser Form überhaupt nur im Web realisieren lassen würde. Wenn dies also ein Softwareentwickler liest, der ein paar Monate Zeit übrig hat ...

Beide Punkte gelten natürlich nicht nur für das aktive Publizieren, sondern auch für die Recherche nach Arbeiten anderer. Dies allein auf Usenet und IRC abstellen zu wollen, würde im kommunikativen Chaos enden. So, als ob ich im Hauptbahnhof stehe und versuche, jemanden zu finden, der zufällig Sartre auswendig drauf hat. Weil ich mir kein Buch zulegen möchte.


KriT: Du sprichst von »literarischen Machwerken« (hört sich nicht grad überzeugt an :-). Wie heissen Deine Themen und was bewegt Dich, sie im Web zu veröffentlichen?

wodile: Den Begriff »Machwerke« wähle ich eigentlich ganz gerne. Es hängt damit zusammen, daß ich mir selbst nicht die Bezeichnung »Schriftsteller«" oder »Poet« überstülpen möchte. Das klingt immer ein bißchen nach einem Menschen, der sich durch Formulierungen quält, Skizzenblöcke führt und stundenlang an seinen Texten feilt. Im Moment überlege ich, ob es nicht vielleicht eine bessere Bezeichnung für die Texte gäbe, zumindest für die neueren im Waschsalon. Mich reizt etwas der Begriff des »literary Sampling«. In Anlehnung an die Entstehung von House-Tracks. Schließlich bestehen hier gewisse Parallelen: es ist nichts von Grund auf neues, was ich in letzter Zeit schreibe (sofern dies in der Literatur überhaupt möglich sein sollte). Es ist oft eine Weiterverarbeitung von Fragmenten, die ich an anderer Stelle gelesen habe. Dies wird nicht immer auf den ersten Blick so klar wie bei Warten auf Dash 3, ein recht klamaukiges Recycling von »Warten auf Godot«, das aus den Genuß einer völlig verintellektualisierten Interpretation dieses Stückes resultierte, die ich irgendwo im Web gefunden hatte.


Der alte Anfängerfehler: der Text ist eigentlich fertig, und nun werden im Nachhinein noch Adjektive hineingequetscht, um das Pathospotential zu erhöhen


Vielleicht zu meiner Arbeitsweise: was ich schreibe, entsteht mittlerweile in der Regel »one off«. Es gibt also vorher kein Konzept, keinen roten Faden und auch keine Skizzen. Die meisten Texte entstehen nachts direkt und spontan am PC, und am Anfang ist mir in der Regel selbst noch nicht klar, was ich eigentlich möchte. Irgendwann nach 30 oder 40 Minuten steht dann etwas auf dem Monitor, was Essay, Kurzgeschichte, Gedicht, Dialog oder verbaler Abfall ist. Mittlerweile bin ich sogar dazu übergegangen, die Texte noch nicht einmal nachträglich zu überarbeiten. Es kommt daher - gerade im Waschsalon - vor, daß Fehler enthalten sind oder ein Gedanke, der vom Ansatz her logisch war, plötzlich mitten im Wald endet. Mit den [miss di:lait]-Texten verhält es sich übrigens genauso ,o]. Die älteren Texte in No Rhyme! sind teilweise noch etwas planvoller entstanden, was ihnen außer einer gewissen Schwerfälligkeit jedoch nicht viel gebracht hat. Der alte Anfängerfehler: der Text ist eigentlich fertig, und nun werden im Nachhinein noch Adjektive hineingequetscht, um das Pathospotential zu erhöhen.

 

 

Nun, von dieser Entstehungsweise her ist es mit den Themen natürlich recht eigen: ich schreibe nicht, um ein Thema zu behandeln, es behandelt sich während des Schreibens eigentlich von selbst. Was bedeutet, daß ich gelegentlich meine eigenen Texte erst einmal interpretieren muß, um überhaupt herauszufinden, was ich da eigentlich gesagt habe. Natürlich enthält jede Geschichte auch autobiographische Komponenten. Manchmal sehr viele, wie Berlin, das große LaaLüüLaa, das einmal das »Phänomen Berlin« aus einem etwas anderen Winkel beleuchtet und eine ganz reale Fahrt im September 97 darstellt. In anderen Fällen kann aber auch eine kaum noch zu trennende Verflechtung von Fiktion und Autobiographie vorliegen, wie in Illusionen - eine verbale Suite. Dafür hat diese Geschichte wiederum wirklich ein »Thema«, es heißt einfach »Projektion von Wunschdenken in einen Menschen - und die Folgen«. Die Theorie des unmittelbar bevorstehenden Termins wiederum ist sehr selbsterklärend. Wobei ich es amüsant fand, als ich diesen Text kürzlich auf einer Nebenseite eines kleineren Providers wiederentdeckte (mit Autorenangabe). Sie schienen also genügend Aufträge zu haben :o).

Aber warum nehme ich nun einige Texte und publiziere sie im Web? Es ist schon so, daß ich auch schreiben würde, wenn die Ergebnisse nicht für jeden zugänglich im Web liegen würden. Allerdings ist es dann doch ein bißchen schade um die Ideen, die man behandelt hat. Wie es auch um Photographien schade ist, die eigentlich sehenswert sind und am Ende nur im Album landen. Es sollen auch andere etwas davon haben - und vor allem: ich möchte auch gerne Feedback, das über ein freundschaftliches »schön, schön« hinausgeht. Und das gibt mir meine Schublade nicht, in der die Geschichten sonst landen würden. Andererseits kommt publizieren in Buchform für mich kaum infrage. Es hat so etwas formales, unspontanes. Im Web kann ich Texte reinstellen und wieder entfernen, wie es mir gerade gefällt - und auch 30 sekunden, nachdem sie entstanden sind, auf den Server laden. Ist ein Buch einmal gedruckt, liegt eine unveränderliche Konserve vor. Und jeder, der es liest, sagt: »so schreibt er«. ich schreibe aber nicht »so«. oder »so«. sondern »mal so und dann wieder anders« ;o).

 

 

KriT: Warten auf Dash 3, hat mich begeistert, obwohl ich am Ende vor lauter Seinsfragen ganz verwirrt war ;-) - Wie steht es eigentlich mit dem Sein der Netzliteratur? Es gibt doch eine Szene, die sich um den Internet Literaturwettbewerb Pegasus gruppiert. Gehörst Du dazu? Was denkst Du über diese Szene und diesen Wettbewerb?

wodile: Freut mich, daß Dir der Text gefallen hat - es ist ja gewissermaßen ein Spiel mit verschachtelten Seinsfragen, wobei am Ende der ganze Stapel an Eventualitäten, der sich angehäuft hat, in sich zusammenstürzt und die Banalität, die dahintersteckt, preisgibt. Die »Message« heißt kurz: »das Problem philosophischer Betrachtungen ist es, daß sie ihre eigenen Prämissen schaffen und dadurch in sich schon Fragwürdigkeit.«


und bin erstaunt über das hohe Maß an Kreativität, das sich hier austobt


Nun gut, zum Thema Pegasus: ich selbst gehöre nicht zur Szene drumherum. Natürlich sehe ich mir immer wieder Beiträge an und bin erstaunt über das hohe Maß an Kreativität, das sich hier austobt. Zum Beispiel habe ich mir heute Nachmittag noch einmal den Beitrag von Günter Melzer - Zum Teufel mit all dem - angesehen. Eine - aus meiner Sicht - außerordentlich gelungene Kombination aus Text, Graphik und Layout. Ich schätze seine Arbeit allgemein sehr, da seine Texte einen recht außergewöhnlichen Stil haben. Teils mit einem kräftigen Schuß Zynismus, auf der anderen Seite streckenweise sehr dadaistisch. Der Beitrag von Olivia Adler - Café Nirwana - verfolgt wiederum eine ganz andere Konzeption. Sehr multimedial und intensiv mit dem Gedanken der virtuellen Realität gestaltet. Und daß Reiner Strasser mit The Virtual Affair Maßstäbe in Sachen JavaScript-Word-Art setzt, versteht sich fast von selbst. Seine »Digital Sketches« faszinieren mich schon seit längerer Zeit.

Nun gut, die genannten sind alle mehr oder weniger direkt im Kunstbereich oder im Screendesign tätig. Es macht einem privaten Webaktiven wie mir zwar Spaß, die Werke anzusehen, aber es gibt nichts vergleichbares, was ich aus dem Hut zaubern könnte. Konzeptionell wäre es vielleicht noch möglich, aber letztendlich fehlt mir dann doch einfach die Zeit dafür, es so professionell umzusetzen. Wer sich überhaupt erst in JavaScript einarbeiten muß, um ein Projekt damit zu bereichern, verbringt schnell täglich 4 bis 5 Stunden vor dem PC, die er eigentlich nicht übrig hat. Und außer bei diesem Projekt nützen mir diese Detailkenntnisse sonst eher wenig. Insofern hat Pegasus manchmal etwas den Beigeschmack der »Leistungsschau«, was die Programmierkenntnisse angeht. Gut, in der Ausschreibung ist auch die Rede von »neuen Ausdrucksformen«. Daß damit kein blanker HTML-Text von einem einzigen Autor gemeint ist, versteht sich fast von selbst. Es geht schließlich um den Begriff »Netzliteratur« im Wortsinn. In diesem Punkt kann ich nur feststellen: wir machen eigentlich keine »Netzliteratur«, sondern »Literatur im Netz«. Man kann sich natürlich trotz alledem »einfach so« anmelden. Aber ohne die Aussicht, wirklich mit den kreativsten Köpfen mithalten zu können, macht so ein Wettbewerb auch wieder keinen Spaß, er verkommt dann zur reinen Linkliste. Teilnahme? 1998: nein. Aber noch aus einem anderen Grund: wir möchten keines unserer laufenden Projekte auf CD-ROM konserviert sehen, sie sind schließlich weder statisch noch »fertig«. Wobei - indirekt bin ich ja bereits beteiligt: Wolfgang Tischer ist mit der Buchstabensuppe dabei. Einer der Texte stammt von mir :o).


Wir machen eigentlich keine »Netzliteratur«, sondern »Literatur im Netz«.


Vielleicht noch zu gewissen Diskussionen der letzten Zeit bezüglich der Sperrung von URL-Einträgen in Pegasus-Foren: ich halte es diesbezüglich mit der Meinung, die auch bereits anderweitig geäußert wurde. Öffentlich-rechtlich bleibt öffentlich-rechtlich. Ich erwarte nichts anderes, kein anderes Handeln und auch keine andere Begründung dafür. Insofern erfüllt mich die Angelegenheit mit einem gewissen Maß an Gleichgültigkeit, obwohl sie natürlich bedauerlich ist.

 

 

KriT: Wo findet denn Deine Gleichgültigkeit Grenzen, wenn es darum geht, sich für essentielle Freiheiten im Netz einzusetzen, so wie es z.B. Claudia Klinger im Pegagus-Fall mit ihrem neuen Hypertext Nicht ohne meine Links tut?


wodile: Ich tendiere eigentlich recht wenig dazu, meine Ansichten in öffentlich präsentierten Statements zu verpacken. Genau so gering ist die Wahrscheinlichkeit, daß man mich mit Schild oder Plakat in der Hand auf politischen Demonstrationen finden wird. Daher findet sich auch auf moreea.com weit und breit keine direkte Aussage zu gesellschaftlichen oder politischen Themen. Man mag das jetzt als ein Generationenphänomen interpretieren - ich bin nun einmal in der politisch eher meinungslosen, plastikbunten und funorientierten House-Szene groß geworden. Wobei die Eigenarten dieser Szene von den Medien auch des öfteren künstlich aufgeblasen und übertrieben dargestellt werden. Jedenfalls bringt es mit sich, daß die Gleichgültigkeitsgrenze recht hoch angesiedelt ist, während man andererseits letztendlich doch tut und läßt, was einem gerade individuell in den Kram paßt. Und: diese Szene ist sehr international ausgerichtet. Was bedeutet das nun für mein Verhältnis zu der Freiheit, Links setzten zu dürfen?


Ich bin nun einmal in der politisch eher meinungslosen, plastikbunten und funorientierten House-Szene groß geworden.


Ich sehe die ganze Angelegenheit derzeit eigentlich eher als ein rein deutsches Phänomen. Die Wesensart des Internet ist offensichtlich hierzulande noch nicht begriffen worden. Was daraus in letzter Zeit resultierte, ist allgemein bekannt. Nun gut, Deutschland ist nicht die Welt, sondern ein in der medialen Entwicklung recht bedeutungsloses Randgebiet. Das hat nicht nur technologische und sprachliche Gründe, sondern auch solche, die in der Mentalität liegen. Was neu ist, ist böse, und die erste Frage lautet meistens: »auf welche Weise könnte diese Technologie Schaden anrichten?« Das Resultat daraus von meiner Seite aus ist jedoch kein Protest, sondern persönliche Konsequenz. Das fängt an bei einer Serververlagerung in die USA - bereits vollzogen - und endet im Notfall bei Auswanderung, falls das Internet hierzulande im juristischen GAU endet. Das dürfte in diesem Moment sowieso notwendig sein, da es hierzulande dann keine brauchbaren Jobs mehr gäbe. Wir könnten dann sicherlich alle auf Landwirt umschulen. Sofern der internationale Lebensmittelhandel dann nicht bereits komplett über Electronic Commerce abgewickelt wird.

Was ich damit sagen will: mehr von diesen Entscheidungen, und dieses Land ist auf dem besten Weg, sich selbst den Ast abzusägen, auf dem es in Zukunft eigentlich sitzen müßte. Wenn die Gesellschaft das Bedürfnis hierzu hat - bitte schön. Die Konsequenzen darf sie schließlich selbst tragen. Aber bitte dann ohne mich. Ich glaube, man nennt es »Abstimmung mit den Füßen«.


KriT: Kommen wir zum gemütlichen Teil des Interviews ;-) Wir begegneten uns in einer gemütlichen Kneipe. Ich würde fragen, was Du trinken möchtest und gleich die Frage anschliessen: Und was machst Du sonst noch so? Oder anders gefragt: Wer ist wodile, wo kommt er her und wo will er hin? Ein paar Sätze gönnst Du uns doch, oder? :-)

wodile: Was ich bestelle, dürfte von der Tageseinstellung abhängen. Wenn es einer von den Tagen ist, an denen ich mit beiden Füßen auf dem Boden stehe, kommt ein Guinness dabei heraus. Habe ich wieder eine meiner nur schwer zu ertragenden Trendyphasen, darfs Prosecco oder Erdbeer-Limes sein ,o]. Ach, da wären wir gleich bei einer der wesentlichsten Charaktereigenschaften: heute so, morgen anders. Und, äh, wie war ich gestern nochmal? Für meine lieben Mitmenschen wird das teilweise zur Qual, Frauen wird man damit auch prima los, aber es gibt ja genügend davon. Ich habe bereits das Prädikat des »moving target« verliehen bekommen. Und es paßt. Was auch daraus klar wird: ich bin im realen Leben nicht viel anders als im Web, IRC, oder wo immer auch.

 

 

Meine Ursprünge liegen in Düsseldorf, vor 6 Jahren bin ich dann irgendwie in Erlangen gestrandet. Ich bin bis heute mit dieser Ortswahl nicht so glücklich, es war eher ein Versehen. Ja, ich studiere, aber wenn ich sage, was, geht wieder das Geschrei los. Ich verzichte also lieber darauf. Studiere ich mal gerade nicht, betätige ich mich als Webmaster für 2 Firmen - eine Marketingfirma und eine Unternehmensberatung (ja, das Re-Design kommt in Kürze!), konzipiere meine erste Vortrags- und Seminarreihe, hocke im Theater oder in diesen oder jenen »Locations«, die gerade »in«, »hip«, »cool« oder trendy sind ,o], widme mich ausgiebig den weiter oben genannten Dingen, popel am PC mit einem 303/909-Sampler herum (natürlich mit Kabel vom PC zur Anlage), bis sämtliche Nachbarn vor der Wohnungstür versammelt sind, oder gehe meiner absoluten, nächtlichen Lieblingsbeschäftigung nach: ?????. Zukunft? Hmm, mein Planungshorizont erstreckt sich gewöhnlich über maximal 6 Monate. Wat kütt, dat kütt ;o).


KriT: Was denkt man denn in Deiner »scene« (oder soll ich besser »Umfeld« sagen?) über das Internet?

wodile: Die Frage ist recht leicht zu beantworten: ich kenne eigentlich fast nur noch Menschen, die auf irgendeine Weise das Internet nutzen und der Informationsaustausch im Bekanntenkreis läuft so gut wie komplett über Mail oder IRC, sofern man sich gerade mal nicht sieht. Ohne eine gewisse Begeisterung für das Medium wäre das kaum denkbar. Ich bin auch nicht der einzige »Homepager«, wobei moreea.com jedoch das mit Abstand umfangreichste Projekt ist. Darüberhinaus sitzt mit [marlow] mein ältester Bekanner gleich noch mit im Webprojekt-Boot. Er wohnt übrigens in einer der wahrscheinlich nur wenigen Ethernet-vernetzten WGs in diesem Land, die schicken sich wirklich untereinander Mails quer durch die Wohnung ;o).


...die schicken sich wirklich untereinander Mails quer durch die Wohnung


Das liegt natürlich alles zum Teil daran, daß es in meinem Umfeld einige Menschen gibt, die bereits seit Anfang der 90er Mailboxen und Newsgroups nutzen - ich bin unter ihnen fast ein Späteinsteiger. Es weckt doch immer wieder die Neugier, was andere da eigentlich genau machen, und so breitete sich die Internutzung und damit in der Regel auch die positive Einstellung dazu ganz von selbst aus.

Ein weiterer Grund ist sicherlich die geographische Verteilung meines alten Bekanntenkreises über das Land - wer sein Konto nicht zu Tode telefonieren will, greift irgendwann fast zwangsläufig auf Mail als Mittel zum Austausch zurück. Der neuere Teil des Bekanntenkreises wiederum resultierte überhaupt erst aus dem Internet - es ist die Gruppe derjenigen, die den alten lokalen Chat beim FEN noch genutzt hatten. Die wenigen, die keinen eigenen Internetzugang haben, nutzen dann gelegentlich noch die PCs der anderen, und so hat die ganze Angelegenheit eigentlich in meinem Umfeld einen recht positiven Beigeschmack. Ich kenne persönlich fast niemanden, der im Internet irgendetwas negatives sieht. Und was ich mache, ist eigentlich auch den meisten klar. Kopfschütteln oder ähnliches habe ich von daher noch nie geerntet. Das einzige, was manchmal nicht so ganz verstanden wird ist, daß der Betrieb eines Projektes wie moreea.com kein »Hobby Internet zum Selbstzweck« ist, sondern ein »Hobby zur Förderung eines anderen - eigentlichen - Hobbys«. Es passiert dann schonmal, daß ich als »Hobbyprogrammierer« bezeichnet werde, was ich nur sehr ungerne höre. Meine Einstellung zum Begriff »Hobby« steht dann wieder auf einem anderen Blatt, das würde jetzt zu weit führen.

Begegne ich nun doch einmal jemandem mit einer »anti-Einstellung« zum Internet, kann ich in der Regel mit ihm nicht sonderlich viel anfangen - die Beschäftigung mit diesem Medium scheint doch auf irgendeine Weise die Persönlichkeit zu prägen. Die »Typen von der nächsten Ecke« werden auf einmal recht uninteressant und man knüpft ein neues, viel interessenbezogeneres Beziehungsgeflecht. Und das ohne zwingende geographische Bindungen, zumindest noch so lange, wie die Mehrheit kein Modem unter dem Schreibtisch liegen hat. Internetabstintente ... ich erinnere mich da mit Grausen an ein Gespräch mit einer jungen Dame ,o]. Es kam mir auf einmal alles so klein und provinziell vor. Die USA waren ein weit entfernter Kontinent mit einer Woche Postlaufzeit, das Leben spielte sich ausschließlich vor Ort ab und mit Bekannten in Berlin tauschte man sich zu Ostern und Weihnachten mit Grußpostkarten aus. Und »Datenautobahn« war natürlich was böses - das Thema ist von meiner Seite aus ja spätestens beim Thema »Hobby« irgendwie unvermeidlich, einmal ganz abgesehen davon, daß sowieso ständig der Rechner vor sich hin läuft. Sehen wollte sie es aber auch nicht. Nun gut, nicht mehr meine Welt. Das Gespräch war damit nach einer Stunde beendet ;o).


KriT: Es ist mir eine Freude, für Dich den KriT-Apfel aus dem virtuellem Korb zu holen ;-) Wie ich in den ganzen Interviews feststellen konnte, hat jeder Interviewte so seine Ansichten zum Apfel allgemein und zum KriT-Apfel konkret. Was denkst Du?

wodile: Ich freue mich außerordentlich über diese Auszeichnung, da sie nicht mit der Gießkanne verteilt oder NUR aufgrund einer gelungenen Site im Web vergeben wird. Es ist ein sehr persönlicher Award und vermittelt das Gefühl wirklicher Anerkennung der eigenen Arbeit im Web. Das ist enorm wichtig, da jeder einmal Phasen durchlebt, die Schaffenskrisen mit sich bringen oder zur ständigen Frage danach führen, ob denn das, was man im Web macht, überhaupt irgendeinen Sinn ergibt oder irgendjemandem etwas nützt, außer dem eigenen Ego. Weil die komplette Arbeit gerade von irgendeiner Seite völlig verrissen worden ist oder der Blick in die Statistik depressive Verstimmungen nach sich zieht. Der Gedanke an den Apfel vermittelt in solchen Momenten sicherlich das Gefühl »ja, es bedeutet etwas!«. Und muntert so dazu auf, auch in schwierigen Zeiten weiterzumachen.

 

 

Es ist meiner Ansicht nach gerade in solchen Phasen sehr wichtig, den Blick nach vorne zu richten und von der Nabelschau abzurücken. Ich hatte auch schon solche Momente, wo ich kurz davor war, meine gesamten Webaktivitäten vom jeweiligen Server zu löschen, im Geschäft für Malbedarf ein paar Leinwände zu kaufen und mich auf die Malerei zurückzuziehen, mit der ich vor Jahren einmal die Reihe meiner diversen kreativen Betätigungen angefangen hatte (dabei habe ich doch keinerlei Gefühl für Proportionen). Wenn es nicht von einigen Menschen die klare Aussage »Nein, Du bleibst gefälligst da!« gegeben hätte, gäbe es kein moreea.com, keinen Waschsalon und keine der zahlreichen anderen Dinge. Ich denke, daß auch der Apfel einen großen Beitrag zum Bleiben leisten kann :o).

Dank möchte ich an dieser Stelle auch an Jörg Bernsdorf und Christian Müller richten, die mir den Weg ins Web zeigten und mir bei den ersten Schritten in HTML immer helfend zur Seite standen, sowie an Stefan Münz und sein großartiges SELFHTML.

»Vor der Frage: Was können wir tun?, muß der Frage nachgegangen werden: Wie müssen wir denken?« (Joseph Beuys).


KriT: Vielen Dank für das Interview, hat mir wieder richtig Spass gemacht :-)


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