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Gerd Marstedt über das erfolgreiche Promoten seiner Website, das Aussterben ambitionierter Einzelkämpfer im Web und...

KriT: Du hast vor einigen Monaten "Kultur online" in "The Fine Site" umgetauft und Dir die immense Arbeit eines neuen Layouts und der Übersetzung der Texte ins Englische gemacht. Warum? Und hat es sich gelohnt?

Gerd: Ich fange mal mit dem letzten an: Es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Die Resonanz im WWW auf meine Seiten ist viel intensiver und direkter (positiv wie negativ). Das hängt nicht nur damit zusammen, daß ich jetzt viel mehr Leute erreiche. Es ist auch so, daß beispielsweise die Amerikaner viel unmittelbarer sind, viel direkter und offener. Über die kulturellen und sozialpolitischen Hintergründe will ich mich da ebenso wenig auslassen wie darüber, ob dies oberflächlich ist. Fakt ist: Ich bekommen extrem viele mails aus den USA, die mich mit ihrer Frechheit oder auch Herzlichkeit erst mal berühren.

Heute morgen habe ich eine mail von einem 13jährigen Schüler aus Minnesota bekommen, der mich fragt: Woran ist Dürer gestorben? Er muß dazu in Kunst einen Aufsatz schreiben. Zweite Mail: Deine Seite ist doof! Dann eselslange Begründung, warum. Dritte: Eine Malerin, die ich ausgestellt habe, schickt mir Weihnachtsgrüße und sagt, ich müsse unbedingt bei ihr im Atelier vorbeischauen, wenn ich mal wieder in den Staaten bin.
 

  Zweiter Punkt: Ich entdecke im WWW fast jeden Tag neue Maler, Grafiker, Fotografen, die ich gerne bei mir vorstellen würde - aber aus zeitlichen Gründen nicht kann. Im deutschen Web passiert mir das vielleicht einmal im Monat. Das deutsche Web nimmt zwar rapide zu (als ich im März 96 meine Homepage bei web.de anmeldete, gab es 6.000 sites, jetzt sind es weit über 100.000). Aber der Kreis der "Geistesverwandten" wächst nur im Schneckentempo. Ich denke wir kennen uns da alle schon ziemlich gut, fast wie in einer Großfamilie.

Und drittens: Ich spreche und verstehe viel viel besser Englisch. Ein Nebeneffekt, den ich nie so eingeplant hatte. Ich wäre auch früher nie auf die Idee gekommen, einen VHS-Englischkurs zu machen. Aber um Kunst-Ausstellungen auf Englisch zu präsentieren, mußte ich nun mal öfter ins große Dictionary greifen und meine Texte von einem Bekannten korrekturlesen lassen.



Die Blitzkarriere von Kultur online
ging mir irgendwie zu schnell




Mein zentrales Motiv, vom deutschen ins WWW zu gehen, war: ich wollte eine neue, echte Herausforderung. Die Blitzkarriere von Kultur Online ging mir irgendwie zu schnell. Und war für mich zu wenig durchschaubar. Ich denke im nachherein: Die Konstellation war unglaublich günstig. Jede Website, die ein bißchen ästhetischere Seiten und etwas mehr Inhalt gebracht hat, ist in dieser Zeit groß rausgekommen. Heute ist es schon erheblich schwerer. Wobei mir einfällt: Als ich vor einigen Wochen eine meiner ersten Seiten noch mal betrachtet habe (auf Diskette konserviert), mußte ich schon denken: Au backe! Das hast Du Besuchern zugemutet, und das kam auch noch gut rüber?

"Herausforderung" heißt für mich dann auch immer zweierlei. Erstens inhaltlich Seiten zu präsentieren, mit neuem Pfiff, die anderswo so noch nicht zu finden sind. Ich finde die allermeisten "Galerien" im WWW stinklangweilig oder lieblos, ein Hintereinanderquetschen von X Bildern ohne jeden Kommentar. Ich mache keine Ausstellung mehr ohne Interview, Kommentare, persönliche Anmerkungen des Malers, Grafikers oder Fotografen.

Und Herausforderung verstehe ich auch quantitativ. Wer im WWW eine Homepage präsentiert, geht bewußt in die Öffentlichkeit, und will keine Tete-a-tete-Kommunikation oder eine esoterische Gruppe mit möglichst wenigen Eingeweihten erreichen. Insofern will ich so viele Besucher als möglich haben. Nicht um jeden Preis. Aber schon mit dem Hintergedanken, auch solche Leute anzusprechen, die nur ein bißchen oder nur manchmal Interesse an Kunst- und Kultur haben. Dazu mache ich dann auch Ausstellungen wie die Greatest Animations oder Eye Candy, die "Amüsier"-Bedürfnisse, Wünsche nach Show-Effekten aufgreifen.
 

  KriT: Was das quantitative angeht: Über mangelnde "WebHits" kannst Du nicht gerade klagen. Im Schnitt sind es wohl 2000 am Tag. Wie hast du es geschafft, Fine Site in der kurzen Zeit von drei Monaten so bekannt zu machen, vor allem in den USA?

Gerd: Durch zweierlei. Erst mal eine viel systematischere Anmeldung bei Suchmaschinen und Verzeichnissen als vorher. Wobei es hier nicht auf die Menge ankommt. Einträge in 300 und mehr Suchmaschinen sind absoluter Unfug. Wichtig sind dies sagen auch viele Foren und mailing-lists von PR und consulting-Firmen Einträge in den 8-10 größten. Bei denen allerdings ist es wichtig, die Besonderheiten der robots zu berücksichtigen (Meta-Tags, Title, Verfahren bei frames usw.) und auch des öfteren mal zu checken: Ist der URL noch drin? Man fliegt nämlich, ohne daß jemand nun genau sagen könnte warum, da öfter mal wieder raus.

Der andere Weg war die Anmeldung bei größeren und bedeutenden Cool-Sites und ähnlichem. Auch hier gilt: Nicht die Masse macht's, sondern die Resonanz, und das Ansehen der Awards. Auch wenn solche Awards die Besucherrate meist nur für 1-2 Tage sprunghaft nach oben schnellen lassen, hat das trotzdem einen mittelfristig spürbaren Schneeball-Effekt. Weil sehr viele private Homepages diese Seiten ansteuern und Links auf ihre Seiten übernehmen.
 


  Die Besucherzahl schwankt immer noch extrem. Diese Woche sind es nur knapp 1.400 am Tag, vor 2 oder 3 Wochen waren es fast 2.500 am Tag. Das waren auch zwei solcher Effekte wie gerade geschildert: mehrere Awards in der einen Woche, danach sind fast alle URLs von mir in einer großen Suchmaschine rausgeflogen, was man dann auch sofort über Nacht merkt.

Insgesamt gilt: Es ist erheblich schwieriger im WWW bekannt zu werden als im deutschen Web, viel schwieriger als ich es mir vorgestellt habe. Die Konkurrenz ist größer (Yahoo listet knapp 700 Kunstgalerien und -museen auf), damit ist alles viel unübersichtlicher. Und es gibt keine Print-Medien, über die man bekannt werden könnte.

 

  KriT: Hast Du auch Kontakte zu themenverwandten oder berühmten E-Zines wie Hot Wired gesucht?

Gerd: Das ist mir nie in den Sinn gekommen, weil Hot Wired oder auch andere prominente E-zines in gewisser Hinsicht "Konkurrenten" sind - ohne daß ich mich mit ihnen auf eine Stufe stellen möchte. Aber sie rezensieren oder besprechen kaum einmal andere Seiten, sondern machen selbst Präsentationen und Ausstellungen.

KriT: Du arbeitest an der Bremer Uni als Sozialwissenschaftler in einem Vollzeitjob. Gleichzeitig leistest Du mit Fine Site eine immense Arbeit. Wie bringst Du das unter im Alltag und was macht Dir am meisten und am wenigsten Spass dabei?

Gerd: Der Abend, die Nacht, das Wochenende bieten viel Zeit. "The Fine Site" erlebe ich dabei überhaupt nicht als Arbeit, sondern voll und ganz als Erholung und Hobby. Für Außenstehende sieht das manchmal so aus, als wäre ich voll und ganz Workaholic: Kaum habe ich mein Referat oder den Zeitschriften-Aufsatz fertig, sitze ich schon wieder am PC. Aber in dem Augenblick, wo ich Netscape oder Photoshop anklicke, erlebe ich die Arbeit (und Arbeit bleibt es in gewisser Hinsicht) völlig anders. Lustbetont, ohne Zeitdruck, mit vielen Experimentier- Möglichkeiten, gestalterisch und kreativ. Und die Zeit verrinnt wie im Flug. Während ich bei wissenschaftlichen Berichten sehr häufig auf die Uhr schaue, passiert es ansonsten nicht selten, daß ich irgendwann bemerke: Au je, es ist schon wieder nachts um halb drei!



Lustbetont und ohne Zeitdruck



Es gibt im Grunde keinen Arbeitsschritt, den ich richtig ungerne mache. Das Spannende und Befriedigende an der Website ist für mich ja gerade die Vielseitigkeit und Ganzheitlichkeit: Etwas von der vagen Idee bis hin zum Logo und der HTML-Gestaltung zu bearbeiten und nach und nach wachsen zu sehen. Recherchen im Netz, mit Künstlern korrespondieren, eine grobe Design- Skizze in Corel-Draw erstellen, Texte schreiben, Grafiken in Paint-Shop basteln, das HTML- und Frames-Konzept nach und nach entwickeln, und dann eine Unterseite nach der andern fertigstellen.

KriT: Ist Deine Webarbeit eher ein Fulltimehobby oder hast Du auch professionelle Ambitionen im Hinblick auf zukünftigen Broterwerb?

Gerd: Absolutes Hobby. Ich hatte immer schon ein gestalterisches Hobby. In den 70er Jahren war es eine Farbfoto-Dunkelkammer, in den 80ern eine Schreinerwerkstatt, in der ich "postmoderne" Möbel gebaut habe, so eine Mischung aus Skulptur und Gebrauchsgegenstand. Und seit zwei Jahren ist es das Web.

Aber genausowenig wie ich auch noch in meiner Freizeit wissenschaftliche Literatur lesen möchte (und auch nicht tue), genau so wenig hätte ich Lust, Webdesign oder auch redaktionelle Arbeit an Webseiten fulltime und mit dem Zwang des Broterwerbs zu betreiben. Ich erlebe beides - Forschung an der Uni im sozialwissenschaftlichen Bereich und "The Fine Site" - als ideale Ergänzung zueinander. Eher Analytisches da und Kreatives hier, Hochspezialisiertes und eher Allgemeines, kleine intellektuelle und große kulturelle Öffentlichkeit, Schlaues und Schönes.

KriT: Die betonst sehr die positiven Aspekte des Hobbys WWW. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass "Online-Sein" nicht nur ein Zuckerlecken ist. Da ärgern Spammer und schlechte Homepages, da ist immer wieder eine unzulängliche Technik, ob lokal oder im Internet, und da ist zudem die Verausgabung des Körpers vor dem Monitor. Einmal abgesehen von dem Spass, den Dir Web Design und die Mail-Kommunikation bereiten: wie sieht denn bei Dir die andere Seite der Medaille Homepaging aus? Null Probleme im Land der vernetzten Bits und Bytes?

Gerd: Ich denke, wer sein Hobby und seine Freizeit-Leidenschaft des öfteren als nervig oder lästig empfindet, sollte sich dringend nach anderen Möglichkeiten umschauen. Ich könnte hier eselslange Geschichten darüber erzählen, was mich am Wissenschaftsbetrieb und am Elfenbeinturm nicht nur stört, sondern zur Weißglut bringt, vergrätzt, demotiviert, zynisch macht. Aber das ist mein Broterwerb, dem muß ich noch einige Jährchen nachgehen.

Meine Homepage und das Surfen könnte ich im Prinzip ja sofort schmeißen und was anderes starten. Mich würde es auch reizen, gestalterisch-kreativ mit Metall zu arbeiten, Skulpturen oder Lampen oder Mobiles zu produzieren. (Das ist auch ein Interesse, dem ich irgendwann noch mal nachgehen werde.) Aber im Augenblick - und ich denke noch für einige Zeit - reizt mich das Web. Ich merke, daß ich da noch längst nicht alles ausgereizt habe: Design, Projekte, Technik, redaktionelle Arbeit, Kooperation usw. Und ich weiß, daß ich mich da noch ungeheuer verbessern kann und auch möchte.

Vielleicht spielt auch eine Rolle, daß ich nicht tagtäglich ins Netz gehe oder Seiten überarbeite, sondern nur so lange, wie es mich umtreibt. Manchmal ein ganzes Wochende und alle folgenden Abende. Aber bisweilen ist auch eine Sättigungsgrenze erreicht. Dann ruht das Ganze für einige Zeit -- na ja, mehr als 3 bis 4 Tage sind es meist nicht.



Fluchen, Schreien, Stöhnen



Aber wenn ich denn wirklich etwas Nervtötendes rund ums Web nennen soll, dann sind es die (immer noch) mangelhaften technischen Voraussetzungen, die Software-Fehler, die einen bisweilen zur Verzweiflung bringen. Vor einigen Tagen erst stürzte Win95 völlig unvorgesehen ab. Danach konnte ich nicht mehr online gehen: Rund 4 Stunden hat es mich gekostet, bis es wieder lief. Etliche Neuinstallationen waren nötig, verzweifeltes Wälzen meines 1200seitigen WIN95-Handbuchs, Fluchen, Schreien, Stöhnen.

Die Frustrationstoleranz, die einem im Netz abverlangt wird, ist immer noch ungeheuer groß. Und ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, daß viele meiner Bekannten sagen "Nein, danke", wenn ich versuche, ihnen die Vorteile aufzuzeigen. Was würde wohl Otto Normalverbraucher sagen, wenn sein Fernseher alle 2-3 Tage nur noch Rauschen zeigt, er daraufhin dicke Bedienunganlkeitungen und Schaltpläne studieren und auch noch seine Fernbedienung wieder ganz neu programmieren müßte?

KriT: Was hat sich aus der Perspektive Deiner Online-Erfahrung im Web getan? Was hat sich in negativer wie auch positiver Hinsicht geändert?

Gerd: Ein richtig alter Hase, der nun Anekdötchen aus der Zeit des "Dampf-Netzes" (in Anlehnung an das "Dampfradio") erzählen könnte, bin ich ja nun wirklich nicht. Zum ersten Mal im Netz war ich über T-Online und mit einem 4.800er Modem im Herbst 95, und meine allererste Homepage hatte ich im März 96. Da war ich völlig aus dem Häuschen, als ich die Seite "Homepage for the Homeless People" entdeckte, auf der jeder eine eigene Seite umsonst einrichten durfte - maximal 20 KB und es gab auch ein Verzeichnis mit etwa 50 Buttons, Rulers und Clipart, die man mitbenutzen durfte. Der Upload erfolgte über ein Formular online, und man durfte nur 1 mal am Tage uploaden. Deutsche Provider nahmen zu jener Zeit etwa 40 DM für das Hosting einer einzelnen (!) HTML-Seite. Da fand ich das "Homeless"-Angebot phantastisch und war sofort dabei. Kurze Zeit später kamen dann die Homepage-Angebote von AOL und anderen.



Nutzwert des Internets

ist immens gestiegen




Was sich aus meiner Sicht in den 2 Jahren besonders auffällig verändert hat, ist zweierlei. Zum einen: Der Nutzwert des Internet ist immens gestiegen. Zwar hat sich auch die Zahl der wirklich irrelevanten und belanglosen Seiten erhöht, aber eben auch die Zahl der Seiten mit wichtigen Informationen, Statistiken, Nachrichten, Berichten. In meinem Job an der Uni arbeite ich in ziemlich vielen, thematisch sehr unterschiedlichen Forschungsprojekten. Und muß mich teilweise in bestimmte Themen ganz neu einarbeiten. Und inzwischen gilt für mich: der schnellste und unkomplizierteste Weg, um einen ersten groben Einstieg in ein neues Thema zu bekommen, ist eine Internet-Recherche. In die Tiefe gehen muß man dann anderweitig, aber für diese erste Orientierung ist das Netz optimal, und auch für meine Lehrveranstaltungen greife ich oft darauf zurück.

Das zweite: Die Techniken werden immer unübersichtlicher und vielfältiger. Die individuell, von einem einzelnen gestaltete Homepage wird es bald sehr, sehr schwer haben. Bereits heute reicht HTML (das auch von Version zu Version komplizierter wird) kaum noch aus, man muß im Grunde (zumindest ein wenig) Ahnung haben von Java, Javascript, CGI. Und in der Warteschleife stehen Cascading Style Sheets, Dynamic Fonts, Shockwave, VRML usw. usw.

Auch wenn es jeweils dazu Software gibt und man die Anwendungen nicht von Grund auf lernen und beherrschen muß, so gilt doch, daß die technischen Qualifikationsanforderungen an Webmaster ungeheuer ansteigen und einer alleine das in Zukunft kaum mehr beherrschen kann, wenn er ein bißchen mithalten will mit den kommerziellen. (Und wer will das nicht? Vor zwei Jahren gab es noch eine ungeheure Menge an Seiten mit grauem Hintergrund, quer über den Monitor oben eine H1 Überschrift, dann ein HR, und dann endlos Text, ohne jede Illustration und Formatierung.)

Die zunehmenden technischen Finessen sind nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Zukunft der privaten Homepage ein großes Problem. Diese nicht selten belanglosen privaten Homepages (mit Schilderung der Hobbys, Familienfoto und vielen vielen Links), teilweise aber eben auch hoch kreativen Seiten die phantasievoller und grafisch ansprechender als viele kommerzielle Seiten sind, waren bislang wesentlich auch motiviert durch Eitelkeit oder Selbstdarstellungswünsche des einzelnen.



Zunehmende technische Finessen sind

für die Zukunft der privaten

Homepages ein großes Problem




Diese "Hoppla-jetzt-komm-ich-Mentalität, jetzt zeig ich es persönlich mal den Profis!" wird dann problematisch, wenn gute Webseiten zukünftig Teamarbeit, Arbeitsteilung, Kooperation unumgänglich machen. Und das ist bei räumlicher Trennung, nur elektronischer Kommunikation, fehlender persönlicher Kenntnis der anderen (und Sympathie) noch mal zusätzlich schwieriger. Und die bisherige Entwicklung zeigt m.E., daß es nur ganz wenige Projekte gibt, in denen sich einzelne Netizens erfolgreich und kontinuierlich zu einer net-group (sei es auch nur im Duett) zusammengeschlossen haben.

KriT: Woran liegt es, daß sich "net-groups" im deutschen Web nur zögerlich entwickeln? An mangelndem Engagement, an den Tücken der E-Mail-Kommunikation, an einer fehlenden gemeinsamen Idee von Vernetzung?

Gerd: Natürlich ist Teamarbeit im Netz grundsätzlich schwieriger, aufwendiger, sperriger als wenn man die Leute kennt, häufiger zu Diskussionen trifft, Sympathien entwickelt, Verbindlichkeiten der Zusammenarbeit hat (und sei es auch nur, daß man jemand anraunzen oder ihm zulächeln kann). Aber das ist wohl nur die halbe Wahrheit.

Zwar sind Kooperationsprojekte in den USA auch nicht gerade die Regel. Aber wenn ich den Bereich Kunst und Kultur mal nehme, gibt es dort schon wesentlich mehr Web-Galerien als bei uns, in denen viele Fotografen, Maler, Designer usw. gemeinsam unter einem Dach ausstellen, oft zusätzlich zur eigenen Homepage: The Birdhouse, The Spew, etoy usw Das liegt wohl an mehreren Punkten.

Kooperation und Vernetzung verlangt gemeinsame Überzeugungen, Ziele, Motive. Um da Partner zu finden, mit denen man in etwa auf einer Wellenlänge liegt, braucht es viel Zeit zum Kennenlernen und Erfahrungsaustausch, sei es auch nur per E-mail. Und da hängt das deutsche Netz einige Jährchen hinter den USA zurück, was Qualität und Quantität von Netz-Bekanntschaften betrifft.

Hinzu kommt der unterschiedlich große Kreis potentieller Mitarbeiter an einem Team. Je größer die Zahl der Leute, bei denen man sagt: "Mit dem würde ich gerne mal was zusammen ausstellen", umso höher auch die Wahrscheinlichkeit, daß es auch zeitlich hinhaut, man vom Thema her zusammenkommt, die Vorstellungen über den Umfang, die ästhetische Sorgfalt usw. übereinstimmen. Und da sind die USA - oder englischsprachige Homepage-Betreiber - nun mal weitaus zahlreicher präsent.

Aber ich glaube, es kommt noch ein dritter Punkt hinzu. Viele, die wirklich gute Private Homepages machen, liebäugeln mit dem Gedanken, damit auch mal Geld zu verdienen. Oder haben - wie Du - den Sprung zum Freelancer schon gemacht. Und in dieser Situation will man natürlich als Referenz und Aushängeschild lieber auf ureigene Seiten verweisen können als auf Kooperationsprojekte, die für Auftraggeber eher anonym wirken. In Deutschland ist da die Konkurrenz der Anbieter sehr groß und die Zahl der Firmen, die nachfragen, eher noch bescheiden.

Viele, die in den oben genannten US-Galerien ausstellen, sind bereits im Geschäft, oft nebenberuflich oder freiberuflich.Und nutzen die gemeinsamen Plattformen als zusätzliches Medium für PR. Was die perspektivische Entwicklung betrifft, bin ich daher eigentlich ganz optimistisch. Ich denke, daß Kooperation und Vernetzung auch bei uns in den nächsten Jahren sehr großen Aufwind bekommen werden. Aufgrund des quantitativen Internet-Vormarschs und der damit höheren Chancen, "Gesinnungsgenossen" zu finden, aber auch wegen der zunehmenden technischen Schwierigkeiten und Finessen, die ein einzelner bald kaum noch meistern kann, wenn er den ästhetischen und redaktionellen Standard der "Großen" einigermaßen nachvollziehen und keine "gopher-Seiten" anbieten will.

KriT: Heißt das konsequenterweise, daß Du Dich in Zukunft auch um Kooperatiospartner kümmern müßtest, um Deinen Kulturservice The Fine Site dem zukünftigen Standards anpassen zu können?

Gerd: Das heißt es. Und obwohl ich mich auch im Unijob immer um Teamarbeit, Diskussion, Kritik und Rückmeldungen systematisch bemüht habe, also Kooperation lieber mag als Einzelarbeit, sehe ich die Entwicklung nicht ohne Wermutstropfen. Denn ein gutes Stück Ganzheitlichkeit und Abwechslung geht dabei verloren.Und ich würde mich nur extrem ungerne nur noch auf Texte oder nur noch auf Design beschränken wollen. Etwas angenehmer ist schon die Vorstellung, mich nicht mehr um CGI und Javascript oder Java künmmern zu müssen. Arbeitsteilung ist Spezialisierung mit dem Risiko der Monotonie und Fachidiotie.



Specialization is for insects!



Wie sagt DocOzone so schön in seinen E-Mails: "Specialization is for insects!" Ich suche schon seit einiger Zeit (allerdings ohne Hektik) Zusammenarbeit. Intensivere Kooperation ist bislang daran gescheitert, daß die Leute, mit denen ich gerne was zusammen machen würde, dies eben nicht in dem Maße wie ich als Hobby definieren können, sondern enorm viel Auftragsarbeit machen. Und in ihrer Freizeit nicht auch noch mal dasselbe machen wollen, wenn auch mit mehr inhaltlicher Autonomie. Aber daß The Fine Site in 2-3 Jahren (wenn es mich denn so lange reizen sollte) ein Projekt im Team sein muß, ist für mich ganz klar.

KriT: Ich nehme an, Fine Site wird auch im kommenden Jahr wieder gehörig wachsen. Wird es nicht immer schwieriger, die wachsenden Inhalte für Deine Besucher relativ übersichtlich erschliessbar zu halten? Welche Techniken der Benutzerführung benutzt Du?

Gerd: Gestern habe ich ein Interview gelesen, das ein Redakteur von HighFive mit Lance Arthur geführt hat, den ich sehr schätze und auch in meiner Galerie ausgestellt habe. Darin meint Lance, die Navigation der Webseiten sei ungeheuer wichtig, er empfiehlt auch einen Übersichtsplan auf jeder Seite, so daß der Besucher immer genau weiß: Wo bin ich, wo war ich schon, wo kann ich noch hin?
 


  Ich bin sehr für eine übersichtliche Navigation. Fast noch mehr plädiere ich für kurze Inhaltsangaben und Indizes, die deutlich machen: Was erwartet mich auf den Seiten? Viele, gerade auch hervorragend gestaltetete Seiten, opfern diese Übersichten dem Design: entweder stehen da bunte Logos und Icons, deren Bedeutung keine Sau versteht. Oder es werden (möglichst kurze) Wörter als Grafiken geboten, die aber ebenso nichtssagend bleiben. Ich finde das völlig unzureichend.

Auf meiner (neuen) Startseite habe ich das Dilemma "zuviel Text beeinträchtigt den optischen Eindruck - zu wenig Text hinterläßt Ratlosigkeit und provoziert "Unmut" jetzt so gelöst, daß zunächst fast gar kein Text da ist, außer den Titeln der Hauptunterseiten. Steuert man diese Titel an, erscheinen (durch Javascript) 2-3 Sätze, die jeweils mehr Information dazu bringen, aber auch wieder verschwinden.

Um auf Lance's Aussage zurückzukommen: Ich halte sie für überzogen. Sie geht davon aus, daß Besucher sehr lange Zeit auf einer Webseite verbleiben und sich systematisch durch die Kapitel hangeln oder all jene Teile konzentriert vornehmen, die sie besonders interessieren. Das ist m.E. die absolute Ausnahme des Surfverhaltens. Nachdem ich mir jetzt mal einige Zeit lang etwas systematischer die log-files und access-Statistiken angeschaut habe, weiß ich: Die Regel sind zeitlich sehr kurze Besuche. Viele Besucher setzen aber ein Bookmark und kommen wieder. Und angesteuert werden meist Seiten, die im Index ganz oben stehen oder sonstwie grafisch herausgehoben sind.

Das heißt für mich in Bezug auf Navigation:
1.) Es ist unwichtig oder sogar irritierend, nun alle hierarchischen Ebenen der Homepage gleichzeitig und überall mit Buttons vorzuhalten.
2.) Wichtig ist, daß auf jeder einzelnen Seite ein Link zur Startseite führt und zu den übrigen Seiten derselben Abteilungen. (Das ist nicht nur zur Benutzerführung wichtig, sondern ebenso, wenn man Frames benutzt. Suchmaschinen indizieren auch einzelne Frames, die dann völlig verloren wirken, wenn sie ohne den dazugehörigen Rest aufgerufen werden.)
Und 3.) Ich bemühe mich seit kurzem darum, die Hierarchie-Ebenen zu reduzieren. Also lieber 15 Kapitel/Abteilungen auf eine Ebene als drei verschiedene Ebenen untereinander mit jeweils 4-5 Abteilungen. Das ist im übrigen auch die Logik von Zeitschriften. Nur in wissenschaftlichen Abhandlungen findet man noch Gliederungen vom Typ: A.III.3.a.

KriT: The Fine Site wird wachsen. Worauf dürfen wir in nächster Zeit gespannt sein?

Gerd: Vielleicht darf ich erst mal negativ antworten: Was ich in Zukunft nicht mehr machen werde, sind Einzelausstellungen von Künstlern, egal ob Fotografen oder Maler oder Designer, in denen ich noch mal einen kleinen Querschnitt ihrer Arbeiten zeige, dazu ein Interview und ein bißchen Text-Info. Davon will ich weg. Das ist im Grunde nur eine etwas besserer und informativer Abklatsch der Künstler-Homepage. Und findet wenig Resonanz.

Ich will stattdessen sehr viel mehr Ausstellungen machen, in denen denen ich einerseits Arbeiten unterschiedlichster Leute zusammenbringe, solche, die schon im Netz sind und solche, die ich noch hineinbringe. Und andererseits sollen dies eher themen-orientierte Ausstellungen sein, die Information und Kunst und Design zusammenbringen. Also themen-bezogene Sammelausstellungen werden der eine Schwerpunkt 1998 sein. Nicht mehr "Die gesammelten Werke von Jim Beaming", sondern eher "Der Whiskey in der bildenden Kunst" oder auch "Prohibition gestern und heute".

Das greift ein bißchen die Idee auf von "The Greatest Animations on the Web", in der ich ja auch 12 künstlerische Animationen verschiedener Leute in einer Galerie versammelt habe. Ich will da aber noch weiter gehen und mehr Information (Kulturgeschichte, Sozialwissenschaftliches, Politik, Lexikalisches, Anekdoten, was immer sich da anbietet) präsentieren. Und darüber hinaus will ich überall dort, wo im Netz Lücken sind und noch nichts Wesentliches zu Einzelaspekten vorhanden ist, auch eigene Texte schreiben, Grafiken einscannen etc.

Die erste Ausstellung dazu habe ich schon in Angriff genommen, sie wird noch im Januar online gehen. Der Titel ist "Shocking". Gezeigt wird anhand von etwa einem Dutzend Beispielen berühmter "Skandale" in der Bildenden Kunst, wann und warum Künstler sozial, politisch und ästhetisch rebelliert haben gegen erstarrte gesellschaftliche Normen und Traditionen. Marcel Duchamp ist mit von der Partie und Dada und Magritte und noch einige andere mehr.

Das nächste größere Projekt, bei dem ich aber noch im Stadium der Ideensammlung bin, wird dann ein "virtuelles Museum" sein, zu einem Thema, über das eigentlich jeder Bescheid weiß, und über das es trotzdem ungeheuer viel zu berichten gibt aus ungewöhnlichen Perspektiven.

The Fine Site
 


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